Unsere Buchtipps 2016

Oktober / November 2016

Matthias Brandt

„Raumpatrouille“

 

Geschichten

Kiepenheuer & Witsch

 

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Matthias Brandt, jüngster Sohn des ehemaligen SPD Politikers Willy Brandt,
einer der bekanntesten deutschen Schauspieler streift in den 14 Geschichten seines Debütwerkes durch seine Kindheit in den späten 60er Jahren der
Bonner Republik .Als Kind eines Politikers ist Matthias Brandt besonderen Sicherheitsmaßnahmen ausgesetzt. Er ist viel allein, hat außer beim Fußball wenig Kontakt zu anderen Kindern, erkundet mit seinem „Bonanza-Rad“ die nähere Umgebung und fiebert jeder TV-Ausstrahlung von „Percy Stuart“
entgegen.

Sein sehnlichster Berufswunsch: Astronaut – und das in einer Zeit als die Mondlandung die ganze Menschheit in Atem hielt. So wird das von der Mutter
für Schulbücher erhaltene Geld im Bonner Kaufhof kurzentschlossen für eine Astronautenausrüstung umgesetzt.

Falls das nicht klappt Briefträger, wie Herr Vianden, der mysteriöse Postbote.

Humor und Melancholie gehen in Brandt´s Geschichten gemeinsam einher, so etwa, wenn von dem voller Vorfreude und Spannung sehnlichst erwarteten Fahrradausflug mit seinem Vater berichtet wird, dieser aber dann aber völlig missglückt.

Oder aber die gemeinsame Reise mit seiner Mutter in ihr Heimatland Norwegen, bei der die Mutter Unmengen von Alkohol und Zigaretten im Auto schmuggelt.

Zu seiner Mutter hat Matthias Brandt eine ganz besonders innige Beziehung, ihr widmet er in den Geschichten mehr Platz als seinem Vater.

So ist das Kranksein für ihn kein schlimmer Zustand – im Gegenteil. Es gibt ihm das Gefühl vollkommener Sicherheit, feste Abläufe, Zeiten, vertraute Menschen…. und sei es die Imbissbude „Frittenpitter“ in Ippendorf.

Matthias Brandt bringt die kurios anmutenden Gedankengänge eines einsamen Kindes berührend zu Papier und er schreibt wie spielt, feinsinnig, nüchtern, tiefgründig.

„Raumpatrouille“ ist Teil eines Projekts mit dem Musiker Jens Thomas. Viele Geschichten korrespondieren mit Songs auf dessen neuem Album „ Memory Boy“. Thema dieser neuen Zusammenarbeit: Kindheit. In dieser Kombination werden Brandt und Thomas auch auf der Bühne zu sehen sein: Text und Musik als eine Einheit.

 

Susanne Preiß

 


 

September / Oktober 2016

Celeste Ng

„Was ich euch nicht erzählte“

 

dtv, 288 Seiten

 

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Celeste Ng siedelte ihren Debütroman in den 1970er Jahren in Ohio an.

Die 16-jährige Lydia Lee wird in einem Teich tot aufgefunden.

Was wie ein Thriller beginnt, entwickelt sich im Verlauf der nie an Spannung verlierenden Geschichte zu einem Desaster einer zerbrechenden Familie.

Marylins Vater, ein Geschichtsprofessor mit chinesischen Wurzeln, heiratet die blonde, durch und durch amerikanische Marylin. Lydia und ihre Geschwister
bleiben trotz allem Fremde in ihrem Land, und als Lydias Mutter vor Ehrgeiz und gesellschaftlichem Streben Lydia zu einer akademischen Laufbahn zwingen will,
um ihren amerikanischen Traum zu verwirklichen, gerät Lydia mehr und mehr in eine für sie ausweglose Situation.

Ein ausgesprochen mitreißender Roman, der den Leser bis zur letzten Seite gefangen hält.

 

Susanne Preiß

 


 

Juli / August 2016

Majgull Axelsson

„Ich heiße nicht Miriam“

 

List Medien AG 2015, 576 Seiten

 

cover_majgull_axelsson_ich_heisse_nicht_miriamMiriam Goldberg erhält an ihrem 85. Geburtstag von ihrer Familie, mit der sie in Schweden lebt, einen besonders ausgefallenen, von einem Roma gefertigten, silbernen Armreif, geschenkt.
Als sie die Gravur „Miriam Goldberg“ liest, entfährt ihr ungewollt der Ausruf: „Ich heiße nicht Miriam“!

Dieses Schlüsselerlebnis lässt tief vergrabene Erinnerungen in ihr wieder empor kommen und damit ein lang gehütetes Geheimnis offenbar werden. Eigentlich heißt sie Malika, ist Tochter sesshafter Roma in Deutschland und kommt als junges Mädchen mit ihrem Bruder Didi in den Nazi Strudel aus Gewalt und Hass .Beide werden nach Auschwitz transportiert, Didi ermordet. Malika wird in einem Zug mit vielen anderen weiblichen KZ Häftlingen nach Ravensbrück transportiert. Dabei wird ihr Kleid zerrissen. Aus purer Angst ermordet zu werden zieht Malika die Kleidung eines toten Judenmädchens an….. und wird von diesem Moment an Miriam.

In Schweden findet Miriam schließlich eine neue Heimat.

Die Autorin beschreibt sensibel und eindrucksvoll die Lebensgeschichte der Miriam Goldberg, dem ständigen Wechsel zwischen den verschiedenen Lebensphasen von Malika/ Miriam kann sich der Leser kaum entziehen, dies übt einen besonderen Lesereiz aus. Die psychologisch intensive Darstellung der Geschehnisse zieht den Leser langsam aber unaufhaltsam in den Bann und berührt zutiefst.

Ein Roman, der Geschichte erlebbar macht.

 

Susanne Preiß

 

 

 


 

Bildnachweis

 

 

Geschrieben von Susanne Preiss am 08. November 2016

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