Unsere Buchtipps 2017

Januar / Februar 2017

Benedict Wells

Vom Ende der Einsamkeit

 

Diogenes

 

 

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Nach einem schweren Motorradunfall und zwei Tagen im Koma erinnert sich Jules an seine Kindheit und sortiert seine Erinnerungen.

Im München der 70-iger / 80-iger Jahre verlebt er mit seinen beiden älteren Geschwistern eine glückliche und behütete Kindheit.
Diese findet jedoch ein jähes Ende als Jules 10 Jahre alt ist und seine Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen.

Der Tod der Eltern wirft alle drei Geschwister aus der Bahn; sie kommen zwar alle in das gleiche Internat, werden sich jedoch fremd und verlieren einander aus den Augen.

Der mutige, selbstbewusste Jules wird im Internat zunehmend introvertierter und ängstlich, er zieht sich in seine Traum- und Gedankenwelt zurück … und will auf keinen Fall auffallen. Einzig zu Alva, die sich in der Klasse einfach neben ihn setzt, entwickelt sich eine tiefe, innige Freundschaft, die Beziehung endet jedoch jäh nach dem Abitur.

Die große, attraktive Liz entwickelt enormes Selbstbewusstsein, erntet Bewunderung aber keine echte Zuneigung und muss vor dem Abitur die Schule verlassen, da sie Grenzen überschritten hat. Sie flüchtet in Alkohol, Drogen und kurzlebige Beziehungen, aus Angst selber verlassen zu werden.

Marty der ältere Bruder, immer schon abgesondert von der Familie verschanzt sich in einer Computerwelt, wird zum abweisenden, eigenbrötlerischen Nerd.

Aus Jules Erinnerungen und Fragmenten rekonstruiert Benedict Wells die Liebesgeschichte zwischen Alva und Jules, die nach vielen, vielen Hindernissen zueinander finden und selber eine Familie gründen.

Liz, Jules und Marty entwickeln jeweils eine ganz eigene Art mit dem Tod der Eltern umzugehen und als Erwachsene glauben sie, den Schicksalsschlag überwunden zu haben.

Doch dann erkrankt Alva schwer und Jules wird erneut von seiner Vergangenheit eingeholt.

Vom Ende der Einsamkeit ist ein leiser, berührender Roman über drei Geschwister die nach einer familiären Katastrophe wieder lernen müssen, Vertrauen ins Leben und in die Liebe zu fassen.

 

Susanne Preiß

 


 

Mäerz / April 2017

Ian McEwan

Kindeswohl

 

Diogenes

 

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Fiona Maye ist erfolgreiche und prominente Richterin am High Court in London. Ihr Spezialgebiet ist das Familienrecht: Scheidungen, Sorgerecht, Fragen des Kindeswohls. Sie ist Ende fünfzig, verheiratet, kinderlos, hat massive Eheprobleme denen sie aber durch Flucht in ihre Arbeit ausweicht.

In dieser Situation wird ihr ein dringender Gerichtsfall vorgelegt, in dem es um den Konflikt zwischen Religion und Medizin und Leben und Tod eines jungen Menschen geht.

Ein an Leukämie erkrankter junger Mann verweigert die lebensrettenden Bluttransfusionen, da er und seine Familie strenge Anhänger der Zeugen Jehovas sind. Die Klinik will jedoch die Transfusion gegen den Willen der Eltern und des Patienten durchsetzen und sichert sich gerichtlich ab.

„Blut ist die Essenz des Menschlichen. Es ist die Seele, es ist das Leben selbst. Und so wie das Leben ist auch das Blut heilig. Wer das Blut mit dem eines Tieres oder eines anderen Menschen vermischt, verunreinigt es, beschmutzt es. Er weist das wunderbare Geschenk des Schöpfers zurück. “

Diese Auffassung vertritt Kevin Henry, Adams Vater vor Gericht.

Fiona aber will sich selber ein Bild von dem jungen Mann machen und besucht ihn im Krankenhaus. Sie erlebt einen, für sein Alter ungewöhnlich reifen, sprachlich und intellektuell gewandten Adam.

Auf die unverblümte Frage von der Richterin, ob es Gott denn gefallen würde, wenn er ohne Inanspruchnahme der Transfusion schwere geistige oder körperliche Schäden davontragen würde, verliert er jedoch die Fassung.

Adams Gedichte und seine auf der Geige vorgetragenen Stücke schlagen eine emotionale Brücke zwischen Fiona und Adam.

Dennoch entscheidet sie gegen seine Religion und für seine Transfusion.
„Der Junge muss vor seiner Religion und vor sich selbst geschützt werden ….. nach meiner Überzeugung ist sein Leben mehr wert als seine Würde“.

Adam erholt sich zusehends und seine Eltern loben Gott, denn sie haben alles richtig gemacht, sich an die Lehre gehalten; die Entscheidung ist von Richterin Maye getroffen, einer irdischen Instanz.

Adam jedoch kann mit dieser neuen Situation nicht umgehen, er ist verwirrt, voller Zweifel wendet sich von seinen Eltern und seiner Religion ab, und Fiona Maye zu.

Fiona ist professionell genug, um Distanz zu wahren, fühlt sich aber dennoch geschmeichelt als Adam sie obsessiv verfolgt und in sein Leben einbinden will.

Als es beim endgültigen Abschied zu einem versehentlichen Kuss kommt, hat dies dramatische Folgen. Fiona spürt in diesen Sekunden die ganze Diskrepanz die zwischen Adam und ihr liegt, Alter, gesellschaftliche Stellung, ihr Status als verheiratete Frau, aber für Adam ist es mehr.

Die Verbindung bricht ab, Adam erkrankt erneut und verweigert die Transfusion bewusst.

Da er mittlerweile volljährig ist, stirbt er.

Fiona erfährt erst Wochen sp6auml;ter von dieser Tragödie und erkennt nun, viel zu spät, das letzte Gedicht, dass Adam ihr zugesandt hatte als verdeckten Hilferuf.

Für ihn hat Fiona mit ihrer Entscheidung „das ganze Leben und die ganze Liebe“ in Aussicht gestellt.

Adam war auf der Suche nach Sinn und wandte sich hilfesuchend an die Richterin, nachdem er keinen Schutz mehr in seiner Religion und seiner Familie fand, doch Fiona wies ihn ab.

Fiona Maye wird mit den vollen Konsequenzen ihrer Entscheidung konfrontiert, fühlt sich mitverantwortlich und mitschuldig am Tode des jungen Mannes, wie sie am Ende des Buches ihrem Mann anvertraut.

Dieser juristische Fall hat sich in ähnlicher Weise in der Realität abgespielt.

Aus diesem Grund ist auch Abschnitt 1 a des britischen Children Act 1989 auf der Seite nach dem Haupttitelblatt abgedruckt.

„In jeder Frage der Sorge für die Person eines Kindes …. hat das Wohl des Kindes dem Gericht als oberste Richtschnur zu dienen. “

Ein bemerkenswerter Roman, der den Konflikt zwischen Moral und Gesetz sehr deutlich aufweist und den Leser mehr als nachdenklich zurücklässt.

 

Susanne Preiß

 


 

Mai / Juni 2017

Joy Fielding

Die Schwester

 

Goldmann 2016, 441 Seiten

 

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Ein kleines Mädchen verschwindet aus einem Ferienhotel in Mexiko, für Caroline Shipley, Mutter von zwei kleinen Mädchen beginnt ein nicht endender Albtraum, denn alle Bemühungen die kleine Samantha zu finden sind vergebens.

Caroline’s Ehe zerbricht, sie bleibt mit der älteren Tochter Michelle zurück und selbst als Jahre vergehen, muss sich Caroline immer noch den Verdächtigungen der Presse stellen, am Verschwinden von Samantha beteiligt gewesen zu sein.

Irgendwann gibt sie die Hoffnung auf, ein Lebenszeichen ihrer Tochter Samantha zu erhalten. Die Beziehung zu ihrer Tochter Michelle ist problematisch und von vielen kräfteraubenden Auseinandersetzungen geprägt.

Eines Tages erhält Caroline einen mysteriösen Anruf einer jungen Frau, die behauptet, ihre Tochter zu sein. Ein wahrer Strudel von Ereignissen wird nun ausgelöst.

Auf mehreren Zeitebenen entwickelt Joy Fielding dieses emotional bewegende Familiendrama, der besagte Abend vor 15 Jahren und Zeitsprünge von 6 und 10 Jahren sowie der Gegenwart.

Der Einstieg in den Roman erinnert sehr an das bis heute ungeklärte Schicksal der kleinen Maddie Mc Cann aus Großbritannien, die vor 10 Jahren auf mysteriöse Weise aus einer Ferienhotelanlage an der Algarve verschwand.

Ich habe Joy Fieldings Thriller bislang „verschlungen”, ihr jetziger Roman hat mich bis zum Ende gefesselt, insbesondere die charakteristische Darstellung der Caroline Shipley — die endgültige Auflösung hat mich sehr überrascht.

 

Susanne Preiß

 


 

Juli / August 2017

Albrecht Gralle

Als Luther vom Kirschbaum fiel und in der Gegenwart landete

 

Roman. 224 S. Brendow Verlag

 

 

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Sie wollten immer schon einmal eine persönliche Frage an Martin Luther stellen?

In dem Roman von Albrecht Gralle bekommt Pfarrer Sonnhüter die
Gelegenheit dazu.

Eigentlich soll Luther nur noch ein paar Kirschen pflücken auf Geheiß seiner Ehefrau Katharina, als ein Blitz in den Baum schägt. Unversehens findet Luther sich im Jahr 2017, in Northeim wieder,-genau in der Gemeinde des frisch pensionierten Pfarrers Sonnhüters. Die junge, energische, wissbegierige Theologiestudentin Henrike schließt sich den beiden Herren an, es entstehen immer wieder angeregte Diskussionen um Glauben und Religion, besonders als sich herausstellt, dass Henrike Jüdin ist.

Es ist ein Lesevergnügen der besonderen Art, unsere Zeit mit den Augen Luthers zu sehen und zu erleben.

Die Kombination aus „Luther-deutsch“ und unserer Alltagssprache verleiht dem Roman von Albrecht Gralle die richtige Würze.

 

Susanne Preiß

 


 

September / Oktober 2017

Mitch Albom

Damit ihr mich nicht vergesst

Die wahre Geschichte eines letzten Wunsches

 

Goldmann Verlag 2009

 

 

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Viele Wege führen zu Gott ….. und wie unterschiedlich diese Wege sein können, zeigt Mitch Albom in seinem Roman: „Damit ihr mich nicht vergesst“ anhand dreier völlig unterschiedliche Lebenswege,
die sich kreuzen.

Die Geschichte spielt sich auf mehreren Zeitebenen und in drei Städten der USA ab.

Da ist zum einen die kleine, beschauliche Vorstadt Philadelphias im Staat New Jersey. Hier leben viele gutsituierte und gebildete
Familien. 1948 hat Albert Lewis als Rabbiner die Leitung einer jüdischen Gemeinde übernommen und hier wächst auch
Mitch Albom, der Autor dieses Buches auf.

Als junger Mann entflieht Mitch den strengen jüdischen Vorgaben im engen Vorstadtleben und damit auch seinem Lehrer in der Synagoge, dem Rebbe, wie er von allen genannt wird. Mitch macht Karriere und wird ein angesehener Sport-Journalist bei einer Detroiter Zeitung.

Bei einem Besuch in seiner alten Gemeinde wird er nach einem Vortrag von seinem inzwischen über 80–jährigen Rebbe angesprochen und gefragt, ob er sich vorstellen könnte, dessen Trauerrede zu halten. Mitch ist mehr als verwundert, zögert, fühlt
sich überfordert und bittet um Bedenkzeit. Dann entschließt er sich,
den Rebbe als Person kennenlernen zu wollen.

Im Laufe der Zeit entwickeln sich regelmäßige Besuche, die beiden Männer kommen über Gott und die Welt ins Gespräch. Mitch beginnt über sich und seine Religion aber auch über seine Haltung gegenüber anderen Religionen nachzudenken. Darüber hinaus erfährt er den Rebbe nicht nur als einen ungemein engagierten Mann der Kirche sondern auch als ebenso klugen und humorvollen Menschen.

Etwa zur gleichen Zeit, in der Mitch in einer behüteten Kleinstadt aufwächst, lebt Henry Covington, ein Afro-Amerikaner, in der Bronx. Nach einem chaotisch kriminellen Leben, in dem er gegen alle 10 Gebote verstieß, und einem dramatischen Ereignis setzt er ein Gelübde um. Er wird Pfarrer in Detroit und gründet dort eine ganz außergewöhnliche Gemeinde, in einer alten Kirche, die allerdings dem Verfall preisgegeben ist, in der er sich aber aufopferungsvoll um Arme, Obdachlose und Suchtabhängige kümmert ….. und dabei niemandem seine Vorgeschichte verheimlicht.

Mitch hat unterdessen gemeinsam mit Freunden einen Spendenfond gegründet und leistet schnell und unbürokratisch Hilfe.

Er wird auf die alte Kirche aufmerksam und kommt mit Henry ins Gespräch.

Mitch Albom wirft in seinem Buch die existenziellen Themen des Lebens und Sterbens auf,- ohne jedoch gleich fertige Antworten zu präsentieren. Sein besonderer Schreibstil hat mich gefesselt, vereinnahmt und sehr nachdenklich zurückgelassen.

 

Susanne Preiß

 


 

November / Dezember 2017

Sebastian Fitzek

Das Paket

Psychothriller

 

Droemer Verlag 2016

 

 

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Emma Stein, Psychologin, glücklich verheiratet erwartet ihr erstes Kind. Nach einem Fachkongress wird sie in ihrem Hotelzimmer brutal vergewaltigt.

Sie ist überzeugt, das 3. Opfer des „Friseurs“ zu sein, der seine Opfer nach seinen Opfern nach der Schändung den Schädel rasiert und dann tötet. Emma überlebt, verliert aber nicht nur ihr Baby sondern auch ihr normales Leben. Ein nicht endend wollender Albtraum beginnt, Emma entwickelt eine Psychose mit paranoiden Zügen dem sie sich trotz Therapie nicht entziehen kann. Sie lebt nun mit der ständigen Angst der „Friseur“ könne sein grauenhaftes Werk vollenden wollen, hat vor jedem Mann Angst.

Sie zieht sich mehr und mehr zurück, nur in ihrem Haus in Grunewald fühlt sie sich einigermaßen sicher und geborgen.

Eines Tages bittet der Postbote sie, ein Paket für einen Nachbarn anzunehmen, von dem sie bislang noch nie etwas gehört hat und sie gerät zunehmend in einen Sog des Bösen.

Sebastian Fitzek's „Das Paket“ ist ein absoluter Psychothriller, der seinem Namen alle Ehre macht und den Leser von Beginn an in Bann zieht.

Je mehr der Leser in die Handlung eintaucht, desto überraschender kommen die Wendungen und Enthüllungen, so dass sich kein klarer Verdachtsmoment bilden kann, eigentlich kann fast jeder als Täter in Frage kommen.

Die Auflösung ist überraschend aber durchaus schlüssig.

Fazit: Ich habe das Buch im Urlaub innerhalb von zwei Tagen gelesen, absolut lesenswert!

 

Susanne Preiß

 

 

 


 

Bildnachweis

 

 

Geschrieben von Susanne Preiss am 29. Dezember 2017

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