Johannes-Prolog und Faust I

Predigt vom 9. Mai 2010 von Pfarrer z.A. Stefan Heinemann:

Liebe Schwestern und Brüder,
der heutige Predigttext sind die ersten Verse des Johannesevangeliums. Wir haben sie eben in der Lesung gehört.
„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“, schreibt Johannes.
„Und es war das Licht, das wahre, das alle Menschen erleuchtet.“
Und weiter: „All denen aber, die es aufnahmen, denen gab es Vollmacht, Kinder Gottes zu werden.“

Johannes-Prolog und Faust I1) Einleitung
Das Wort, auf Griechisch: der Logos, war den Philosophen zur Zeit der ersten Christen der Inbegriff der göttlichen Vernunft, die die ganze Welt regiert. Die ersten Christen sahen darin Jesus Christus.
Sie sagten: Er ist das Wesen des göttlichen Geistes. Denn in ihm zeigt sich auf den Punkt gebracht, wer Gott ist und was er will. Unter diesem Eindruck schrieb der Evangelist Johannes die ersten Verse seines Evangeliums: Jesus Christus ist der Logos und der Logos ist Jesus Christus.

Diese Verse des Johannes sind gedanklich so konzentriert und sprachlich so eindrucksvoll, dass der so genannte Johannesprolog immer wieder Dichter und Denker, Christen und Andersgläubige tief beeindruckt hat.
Einer von denen war Johann Wolfgang von Goethe, der Weimarer Dichterfürst.
An seinem Faust, einem zweibändigen Theaterstück mit über 12.000 gereimten Versen, hat Goethe fast sechzig Jahre lang gearbeitet.
Ich bringe den Inhalt des Stücks mal so auf den Punkt: Im Zentrum steht der Gelehrte Heinrich Faust. Der ist auf der Suche nach tiefer Einsicht und dauerhaftem Lebensgenuss. Im Gegenzug verspricht er dem Teufel seine Seele, falls es diesem gelingen sollte, ihn aus seiner Unzufriedenheit und Rastlosigkeit zu befreien.
Und: Der Teufel schlägt ein. Die Wette gilt!

Und kurz bevor der Pakt geschlossen wird, beschäftig sich Faust mit dem Johannesprolog.
Was das zu sagen hat, und wo in der Folge Gedanken des Johannesprologs eine Rolle spielen, das möchte ich Ihnen an drei Schlüsselszenen darstellen.
Den Faust I und den Johannesprolog – zwei große Werke unserer Literaturgeschichte – einmal nebeneinander halten.

2) Faust in der Studierstube: Licht & Finsternis
Zu Beginn der Handlung ist Faust aufgewühlt.
„Habe nun, ach, Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie
durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!“ (Z. 354-359)
Das ist die Summe seiner langjährigen Studien:
„Und sehe, dass wir nichts wissen können!“ (Z. 364)
Abfinden kann Faust sich damit nicht.
So schlagen zwei Seelen, ach, in seiner Brust. (Z. 1112)

Zuletzt wendet er sich an die Heilige Schrift:
Denn: „Wir sehnen uns nach Offenbarung, die nirgends würd’ger und schöner brennt
als in dem Neuen Testament“ (Z. 1217-1219)
Er schlägt den Johannesprolog auf und beginnt, aus dem Griechischen zu übersetzen.
„Geschrieben steht: ‚Im Anfang war das Wort!‘
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?“ (Z. 1224f)
Faust grübelt und verfällt auf andere Übersetzungen:
„Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn. […]
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh‘ ich Rat
Und schreib‘ getrost: Im Anfang war die Tat!“ (Z. 1229-1237)

Goethe ist hier ganz nahe beim Johannesprolog.
Denn am Anfang stand das Wort – das Wort, das alles ins Leben rief, weiß der Evangelist Johannes.
Gott schuf die Welt, indem er sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.
Gott nimmt nichts in die Hand. Er ruft ins Leben. Am Anfang steht Gottes Wort, Gottes Tat. Sie ist die Grundlage unseres Lebens.
So tief und so weit, dass wir die Komplexität der Schöpfung und dessen, der dahinter steht, nicht erfassen können.
Das ist es, was Hiob lernt, der alles verliert, darüber Gott anklagt – und von Gott angeherrscht wird: Warst Du, Hiob, dabei, als ich die Welt erschuf? Kannst Du, Hiob, beurteilen, was ich tue und lasse?
Wie ist da der unstillbare Wissensdurst Fausts zu beurteilen? Gleicht er da nicht Adam und Eva, deren Sündenfall auch darin begründet lag, dass sie mehr und mehr wissen wollten – um so zu sein wie Gott?
Und gibt es Grenzen unseres Wissens?

Doch Faust kommt nicht dazu, diesen Gedanken zu Ende zu denken.
Vielleicht hätte das Theaterstück dann einen anderen Verlauf genommen.
Es tritt auf aus dunklen Nebelschwaden der Fürst der Finsternis. Wer bist Du, fragt Faust.
„Ich bin der Geist, der stets verneint!“ (Z. 1338) führt sich Mephisto ein.
„Ich bin ein Teil des Teils, der anfangs alles war,
ein Teil der Finsternis, die sich das Licht gebar.“ (Z. 1349f)

Göttliches Licht und Finsternis – auch ein Thema des Johannesprologs.
Aber „die Finsternis hat das Licht nicht verschluckt“, schreibt Johannes.
Das weiß auch Goethes Mephisto: Der Schöpfung Gottes „so viel als ich schon unternommen, ich wußte nicht, ihr beizukommen.“ (Z. 1365f)
Mephisto kann Gottes guter Schöpfung im Kern nichts anhaben, das muss er Faust gegenüber eingestehen.
Gottes Licht scheint in der Nacht. Nichts kann sein Leuchten löschen.

Doch umgekehrt: Wer ist Mephisto wirklich? Es braucht eine Frau, um ihm auf die Spur zu kommen. Die zweite Szene.

3) Faust und Gretchen: Das Böse und Gottes Name
Mephisto bietet Faust allerlei Ablenkungen und Vergnügungen, wie es ihm ihr Pakt gebietet.
Aber Faust findet darin weder Ruhe noch Erfüllung. Einzig die Begegnung mit Gretchen beeindruckt ihn tief.
Ihr versucht er zu gefallen – Mephisto hilft ihm dabei aus. Doch gerade vor Mephisto schreckt das tiefgläubige Gretchen zurück:
„Kommt er einmal zur Tür herein,
sieht er immer so spöttisch drein / und halb ergrimmt;
man sieht, dass er an nichts kein Anteil nimmt;
es steht ihm an der Stirn geschrieben,
dass er nicht mag eine Seele lieben.“
Und Faust antwortet: „Du ahnungsvoller Engel du!“ (Z. 3485-94)

Liebe Schwestern und Brüder, ich glaube nicht, dass es einen Teufel gibt, ein Böses in Person, das eine Gegenmacht zu Gott darstellt. Aber die Worte, die Goethe Gretchen in den Mund legt, bezeichnen treffend die Finsternis, die sich Gottes Licht entgegen stellt: Lieblosigkeit. Kein Funken Menschenliebe. Kein Mitgefühl, nur zynischer Spott und Hohn.

Aber Gretchen geht noch einen Schritt weiter. Sie stellt Faust die bekannte Gretchen-Frage:
„Nun sag, wie hast Du’s mit der Religion?“ (Z. 3415)
Faust windet sich, er quält sich – und bekennt sich als Gottgläubiger.
Er sagt: „Nenn es denn, wie du willst,
nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen dafür! Gefühl ist alles.
Name ist Schall und Rauch,
umnebelnd Himmelsglut.“ (Z. 3453-3458)
Wenn Gretchen ihm nun auf den Kopf zusagt „Du hast kein Christentum“ (Z. 3468), dann hat sie damit völlig recht.
Gott lebte als Mensch unter Menschen. Damit wir ihn begreifen können, hat er sich einen Namen gegeben: Jesus Christus. „Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“, schreibt Johannes. Deshalb bleibt Gott nicht namenlos!
Das geschieht an Weihnachten: Gott bekommt einen Namen. Gott bekommt ein Gesicht.
Und mehr noch: „All denen aber, die ihn aufnahmen“, schreibt Johannes weiter „denen gab er Vollmacht, Kinder Gottes zu werden.“
Wer kennt das Gesicht, den Namen eines Vaters, einer Mutter, wenn nicht die eigenen Kinder?
So nahe kommt uns Gott in Jesus Christus.

„Name ist Schall und Rauch“, sagt Faust – und ist damit völlig auf dem Holzweg, behaupte ich.

4) Schlussszene im Kerker: Sie ist gerettet!
Die weitere Geschichte nimmt denn auch keinen guten Verlauf. Faust verführt Gretchen. Sie wird schwanger.
Aber nachdem Faust im Zweikampf Gretchens Bruder erstach, wendet sich auch Gretchens Mutter von der Schwangeren ab. Schließlich stirbt die Mutter vor Gram.
Gretchen steht plötzlich allein. Und nun zeigt sich Mephistos wahres Gesicht. Er verheimlicht Faust Gretchens Umstände.
Er führt ihn weiter zu anderen Vergnügungen. Aus Lieblosigkeit wird Verantwortungslosigkeit.
In ihrer Verzweiflung weiß Gretchen nicht mehr aus noch ein. Das Neugeborene ertränkt sie im Teich – und wird darüber schier wahnsinnig.
Als Faust schließlich von ihr erfährt, ist Gretchen wegen Kindesmordes abgeurteilt. Am nächsten Tag soll sie gehängt werden.
Faust kommt, sie aus dem Kerker zu befreien. Gretchen erkennt ihn, freut sich – und wehrt dann ab.
Sie spürt die Kälte des Geliebten. Sie sagt:
„O weh! Deine Lippen sind kalt, sind stumm.
Wo ist Dein Lieben / geblieben?
Wer brachte mich drum?“ (Z. 4493-4497)
Und als dann Mephisto erscheint, um angesichts der Morgendämmerung zum Aufbruch zu drängen, da tut Gretchen keinen Schritt mehr. „Du sollst leben“, ruft Faust ihr zu.
Sie aber antwortet: „Gericht Gottes! Dir hab ich mich übergeben!“ (Z. 4605)
Gleich geht die Sonne auf. Da reißt Mephisto Faust mit sich. Er schreit ihn an: „Sie ist gerichtet!“
Und da – ein einziges Mal in diesem langen Theaterstück – ertönt die Stimme von oben. Sie widerspricht Mephisto, sie verneint den Verneiner und sagt: „Sie ist gerettet!“
So endet Goethes Theaterstück, der Faust I.

5) An welches Gericht glauben wir?
Fausts Weg begann mit Wissensdurst und Vergnügungssucht.
Aber Mephistos Lieblosigkeit entpuppt sich als Verantwortungslosigkeit, der sich Faust willig ergibt.
An Gretchens Tragödie hat er mindestens ebenso großen Anteil.
Gretchen dagegen steht zu ihrer Verantwortung – auch wenn es sie buchstäblich den Kopf kostet.
Sie kann das Kind, die Mutter nicht hinter sich lassen – so wie Faust ihr zuruft:
„Laß das Vergangene vergangen sein!“ (Z. 4518)
So ein naiver Wunsch Fausts – das funktioniert nie.

Und dennoch sagt die Stimme von oben: „Sie ist gerettet!“
Denn Gretchen vertraut sich Gott an. Sie spricht sogar vom Gericht Gottes.
Und das ist die eine Stelle, an der ich Gretchen aus guten Gründen widersprechen muss.
Gott kommt in die Welt. Er schickt seinen Sohn, dass dieser zu uns von Gottes Liebe sprechen soll.
Wie wird er da über uns und Gretchen Gericht halten?
Liebend – wie ein Vater. Fürsorglich – wie eine Mutter.
Denn mit Jesu Ankunft sind wir Kinder Gottes geworden.

Das gehört nicht mehr zum Johannesprolog, das schreibt der Evangelist Johannes einige Kapitel später:
Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet. (Joh 3,17f)
Amen.

Geschrieben von Ulrike Knichwitz am 17. Mai 2010

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