Predigt zur Gemeindeversammlung

Kreuz auf Bibel
Gehalten von Pfarrer Knut Dahl-Ruddies
Liebe Gemeinde,
Wenn aktuell von Torheit die Rede ist, muss man aufpassen mit der deutschen Sprache hinterherzukommen.
Alles was im Moment mit Tor- beginnt steht in direkter Beziehung zur Fussball –WM in Südafrika. Da kann aus einer Torheit bei sprachlich nicht so versierten leicht eine Person: Etwa: Eure Torheit „Podolski“ oder „Schweinsteiger“ oder „Klose“.
Das es aber eine Torheit von Ghana war in der 120. Minute einen Elfmeter zu verschießen… Da muss man den Begriff Torheit schon so manchem erklären.

Was nun, liebe Gemeinde, meint Paulus, wenn er von der Torheit der Predigt spricht? –
Meint er Predigten, die ihr Ziel nicht erreichen. Spricht er von daneben gegangenen Predigten, bei denen sich der Prediger ähnlich schämen muss, wie der Elfmeterschütze, der meterhoch übers Tor schießt…

Offensichtlich meint Paulus, dass der Inhalt der Predigt – nämlich das Wort vom Kreuz – nicht in unsere normalen Denkkategorien passt.
Es geht also nicht bloß um die Torheit der Predigt, es geht vor allem um die Torheit des Christentums.

Das Kreuz, auf dem Jesus starb, durchkreuzt offenbar unsere menschliche Sicht was geboten und vernünftig zu sein hat.
Es durchkreuz aber auch unsere menschliche Auffassung von Religion und unsere menschlichen Ansichten über Gott und die Welt.

Als Paulus diese Worte von der Torheit des Kreuzes schrieb, war das Kreuz noch kein Schmuckstück, das Menschen sich um den Hals hängten.

Es war noch keine schmucke Dekoration für Wohnzimmer und Amtsstuben. Als Paulus diese Worte schrieb, wurden noch immer Menschen auf diese schreckliche Art hingerichtet. Es war die römische Todesstrafe für Sklaven.
Das Kreuz war das Schandmal, an das man nur mit Schaudern dachte.

Die Predigt vom gekreuzigten Christus war damals und ist auch heute nicht marktgerecht, nicht konsumentenfreundlich.
Nicht an den religiösen Bedürfnissen der Leute orientiert. Eigentlich müsste man dem Paulus sagen: Mit solch einer Predigt verschreckst du die Menschen. Du willst doch viele Menschen für Christus gewinnen, aber du redest an den Menschen vorbei. So etwas kommt ja sogar aus unseren eigenen (evangelischen christlichen) Reihen.

Es wäre alles halb so anstößig, wenn Paulus den Korinthern geschrieben hätte:
„Liebe Leute, das Evangelium und damit unser Glaube und auch unsere Predigt ist im Wesentlichen eine gute, vernünftige und heilsame Sache. Natürlich enthält auch unser Glaube einige unverständliche Elemente und sonderbare Aspekte, dazu gehört die Botschaft vom Kreuz. Aber wir glauben ja an die Auferstehung, an den Sieg Gottes über den Tod und deshalb können wir auch die Torheit des Kreuzes hinnehmen.“
Das klingt schon viel besser und freundlicher. Das hören die Leute natürlich lieber.
Aber Paulus schreibt den Korinthern genau das Gegenteil.
Es gibt nicht nur ein paar unvernünftige Dinge in unserem Glauben, sondern die Mitte des Evangeliums, ist für menschliche Vernunft eine Torheit.

Wahrscheinlich hat es diesen Vorwurf damals wirklich gegeben. Man wirft Paulus vor: das, was du predigst ist Unsinn. Du zerstörst die Religion. Du verletzt das religiöse Volksempfinden.

In Jesus Christus aber stirbt Gott selbst am Kreuz!
Nicht irgendein Mensch, nicht ein Heiliger stirbt, es ist Gott selbst.
Denn „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst“. (2Kor5)

Manche scheuen sich, das so deutlich zu sagen. Sie sagen lieber, Jesus stirbt oder der Sohn Gottes stirbt. Aber wir sagen deshalb zu Jesus „Sohn Gottes“, weil Gott selbst in ihm Mensch geworden ist.
Wenn Jesus leidet, dann leidet Gott.
Und wenn Jesus stirbt, dann stirbt Gott.
Gott macht sich in Jesus schwach und angreifbar.
Gott macht sich in Jesus verletzlich.
Gott lässt sich von Menschen ans Kreuz schlagen.

Das ist gegen all das, was Menschen von Gott erwarten.
Gott soll Wunder tun. Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind. Und wenn es auch das Wunder von Bern ist, oder der sprichwörtliche Fußball Gott, der wieder einmal kein Einsehen hatte.
Gott könnte sich beweisen, indem er Wunder tut,

Aber wenn Jesus Wunder tut, dann immer nur, um Menschen zu helfen, aber nicht, um irgendetwas zu beweisen. Und was bei den Wunder Jesu zum Ausdruck kommt ist nicht Überlegenheit und Stärke, also nicht eine Machtdemonstration, sondern ein tiefes Mitfühlen mit den Menschen.

Die einen, so schreibt Paulus, fordern Wunder, die anderen fordern Weißheit/Vernunft. Sie wollen Gott mit den Mitteln der Philosophie begreifen.
Und die Philosophie der alten sagt klipp und klar: Gott kann nicht leiden und Gott kann auch nicht sterben.

Viele Menschen konnten und können mit einem gekreuzigten Gott nichts anfangen. Wer so predigt wie Paulus, stellt die Dinge auf den Kopf.
Wobei wir Paulus nicht missverstehen dürfen. Paulus meint nicht, je dümmer desto besser. Oder: Glauben könne man nur, wenn man den Verstand vorher abgeben würde.

Keineswegs, Paulus ist selbst in der Welt der Philosophie sehr bewandert. Paulus schätzt die Vernunft sehr. Er meint sicher nicht, das Christentum sei nur etwas für Dummköpfe. Aber die Botschaft vom Kreuz kann man mit Hilfe menschlicher Vernunft eben nicht erfassen.
Wir müssen uns allerdings fragen, ob wir diesen mitleidenden Gott aushalten;
Ob wir das aushalten, an einen Gott zu glauben, der so sehr der Unsere wird, dass er mit uns leidet und stirbt?
Einen Gott, der also nicht am hohen Ross sitzt, um für uns zu siegen.
Und einen Gott, der nicht auf einem erhabenen Thron sitzt, um alles zum Guten zu lenken.
Einen Gott, der nicht alle Schalthebeln der Macht in Händen hält, sondern ein Gott, der aus Liebe schwach wird.
Der zum Heil für uns alle nicht alles Böse und alle Bösen vernichtet sondern selbst stirbt?
Halten wir das aus?

Natürlich haben das viele Christinnen und Christen nicht ausgehalten. Und deshalb haben sie die Theologie erfunden, so behaupten böse Zungen. Die Theologie als der Versuch aus diesem Skandal, aus dieser Torheit, eine vernünftige Predigt zu machen.

Dieser Versuchung sind einige Kirchenlehrer erlegen. Sie wollten das Christentum salonfähig machen. Und sie haben aus dem Kreuz wirklich in jeder Hinsicht ein Schmuckstück gemacht, und sie haben es zu einem Zeichen kirchlicher Macht erhoben.
Könige und Kaiser haben ihre Macht legitimiert mit dem Kreuz.
Im Zeichen des Kreuzes wurden Waffen gesegnet und Kriege gefochten. Das Kreuz war plötzlich ein Siegeszeichen.

Aber, damit ist die Botschaft des Evangeliums verloren gegangen.
Denn hinter der Torheit des Kreuzes steht die „Torheit“ der Liebe.
Torheit war ursprünglich ein Wort im Munde der Gegner des Paulus.

Und Paulus nimmt dieses Wort und sagt: Ja, ihr habt recht.
Für normale menschliche Ohren klingt das so. Nach den Regeln menschlicher Weisheit ist das Torheit.

Aber mir ist diese Torheit Gottes lieber als die Weisheit der Weisen oder Vernunft der Vernünftigen. Denn das, was ihr Torheit nennt, ist in Wahrheit die Torheit der Liebe. Und Gott offenbart sich darin als ein Gott, der die Liebe in Person ist.

Was ihr für töricht haltet, ist in Wahrheit weiser als Menschen es sich ausdenken können, und was ihr für schwach anseht, ist wahre Stärke und wahre Größe.

Die Liebe übt nicht Gewalt, aber sie erleidet Gewalt. Sie fügt anderen kein Leid zu, aber sie leidet mit. (1.Kor13).
Und es wird viele geben, die auch heute behaupten: „Es ist Torheit, einfach der Liebe zu folgen. In unserer Welt geht es nicht ohne Gewalt, man muss Krieg führen gegen die Bösen im Großen und im Kleinen.“

Aber die Botschaft vom Kreuz sagt etwas anderes:
Gott lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und die Guten.
Und er lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte.
Wir, liebe Gemeinde, sollen diese Torheit Gottes nachmachen und unsere Feinde lieben, und denen verzeihen, die uns hassen. Wir sollen auf Gewalt verzichten und den Weg Jesu gehen. Wer an die Torheit des Kreuzes glaubt, wird selbst ein Tor.
AMEN.

Geschrieben von Ingeborg Dahl am 04. Juli 2010

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