Sünde ist wie eine Sucht – und Sucht ist Sünde!

Predigt von Pfarrer z.A. Stefan Heinemann über Römer 6,19-23, gehalten am am 1. August 2010.

Liebe Schwestern und Brüder!
Den Predigttext des heutigen Sonntags schrieb Paulus für die Christen im fernen Rom. Die Gemeinde dort ist ihm nicht persönlich bekannt. Darum stellt er sich und seine Grundüberzeugungen umfassend vor.
Ein grundsätzliches Thema spricht er im sechsten Kapitel seines Römerbriefes an:
Das unchristliche Leben vor der Taufe – bestimmt von Sünde und Ungerechtigkeit – und das neue Leben mit Jesus Christus,
das zu Gerechtigkeit und ewigem Leben führt. Ich lese aus dem Römerbrief – nach einer eigenen Übersetzung:

19 Ich muss verständlich davon reden, weil euer Fassungsvermögen als Menschen begrenzt ist: Wie ihr jeden Teil eures Körpers hingegeben hattet an den Sklavendienst der Unreinheit und Ungerechtigkeit zu immer neuer Ungerechtigkeit, so gebt nun eure Glieder hin an den Dienst der Gerechtigkeit, dass eure Körper heilig werden.
20 Denn als ihr Knechte der Sünde wart, da wart ihr frei von jeder Gerechtigkeit.
21 Was hattet ihr nun damals für euch daraus gewonnen?
Ein Gewinn, dessen ihr euch jetzt schämt. Und am Ende dessen steht der Tod.
22 Nun aber seid ihr von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden.
So habt ihr jetzt euren Gewinn darin, dass ihr heilig werdet.
An dessen Ende wiederum kommt das ewige Leben.
23 Denn der Sünde Sold ist der Tod. Die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.

Liebe Schwestern und Brüder!
Angesichts dieses Predigttextes wage ich mich heute an eine schwierige Frage: Was ist ‚Sünde‘? Was meint dieses Wort: ‚Sünde‘?
In der Bibel ist immer wieder die Rede davon – bei uns auch. Aber das ist irgendwie nicht dasselbe.
Denn wir reden schon von Sünde, wenn einer seinen Diätplan nicht einhält. Wenn eine sich das halbe Stück Torte zu viel nimmt – dann ‚sündigt‘ sie. Sagt man dann, augenzwinkernd.
Oder beim Thema Sexualität wird die Sünde auch gerne zitiert. Denn was verboten ist, das macht uns gerade scharf – und dieses Wort gibt dem Ganzen etwas Verruchtes, Attraktives. Das macht die Leute an.
Hat aber überhaupt gar nichts (!) mit Sünde zu tun!

Sünde hat zu tun mit Gott und mir. Und alles, was das gute Verhältnis zwischen uns beiden stört, das ist sündig.
Sünde ist, wenn ich nicht frei bin für Gott. Wenn ich nicht frei bin, in seinem Sinne zu handeln, weil mich andere Gedanken, andere Zielsetzungen beherrschen.
Ich möchte Ihnen das deutlich machen am Beispiel der Sucht – und am Beispiel der Geschichte von Herrn Carstensen.
Ich behaupte: Sünde ist eine Sucht – und Sucht ist Sünde!

Also, Herr Carstensen. Herr Carstensen ist Anfang 40, beruflich einigermaßen erfolgreich.
Die Familie wohnt im eigenen Häuschen – für die beiden Kinder haben sie das Dachgeschoss ausgebaut.
Die Ehe der Carstensens – würde man die Nachbarn fragen, die würden sagen: Glücklich! Nettes Paar!
Frau Carstensen – unter vier Augen würde sie wohl etwas anderes erzählen: Sie fühlt sich von ihrem Mann kontrolliert.
Er fragt immer: Wo sie war? Was sie gemacht hat? Er will alles ganz genau wissen.

In den ersten Ehejahren hatte sie viel Verständnis dafür. Von ihrer Schwiegermutter weiß sie:
Die Ehe seiner Eltern war unglücklich! Sie – in jungen Jahren ungewollt schwanger, er – ein Schürzenjäger, der die Familie verlässt, als sein Sohn gerade in die Schule kommt.
Besser machen als sein Vater wolle er es, hat Herr Carstensen einmal gesagt. Eine glückliche Familie, das sei sein Ziel!
Und er merkt gar nicht, wie er unser Glück zerstört, weil er mich so kontrolliert, dass ich keinen Raum zum Atmen habe, würde Frau Carstensen sagen. Ganz so, als könnte er mir nicht vertrauen!

Ich trete einen Moment aus der Geschichte heraus: Was ist die Ursache der Sünde?
Die beste Antwort, die ich auf diese Frage je gehört habe, lautet: Angst! Angst davor, dass das eigene Leben daneben geht. Nicht nur, dass ich unter meinen Möglichkeiten bleibe. Sondern existentielle Angst – Panik – dass mein Leben schief geht. Ich hab ja nur die eine Chance. Und wenn es dann so schief geht wie bei den Eltern von Herrn Carstensen vielleicht – so wenigstens würde es ihr Sohn beschreiben.
Und wenn mich diese Angst erfasst hat, dann versuche ich mit allen Mitteln, das Glück zu zwingen.
Auch andere Menschen zu zwingen, sich in meine Idealvorstellung vom Glück gefälligst einzufügen.
Herr Carstensen versucht, es zu zwingen. Und allmählich entgleitet ihm sein Handeln.
Aus der Eifer-Sucht wird eine Sucht. Kontroll-Sucht. Beziehungs-Sucht.

Denn Sucht ist nicht nur das, was wir mit Alkohol, Zigaretten oder Heroin und Ecstacy verbinden.
Sucht ist ein Prozess, der Kontrolle über uns hat. So stark, dass er verhindert, dass wir Verantwortung für unser Leben übernehmen.
Nehmen Sie die Spielsucht – da gibt es auch keine feste Substanz. Vielmehr geht es dem Suchtkranken um den Prozess, um das Spielen an und für sich. Für ihn ist das eine so berauschende Erfahrung, dass es herhalten kann als Ersatz für das,
was das wirkliche Leben ihm an Glück verwehrt. Weil das Leben ihm nicht bieten kann, was er davon erwartet.
Stattdessen spielt er – mancher am Roulette, ein anderer am Spielautomaten, ein dritter am Computer zu Hause.
Und gefährlich wird es an dem Punkt, da das Leben drumherum unwichtig wird. Nur noch dazu dient, das Spielen, die Sucht an sich zu ermöglichen.
Hier berühren sich Sünde und Sucht: Für das Leben draußen, für ein Leben mit Gott bleibt kein Raum mehr.
Sucht ist Sünde!

In den Monaten danach konzentriert sich Herr Carstensen immer stärker auf seine Familie.
Und ihm wird schmerzlich bewusst die Ablehnung, die seine Frau und seine Kinder ihm jetzt zunehmend entgegenbringen.
Mit jeder Geste, jeder Randbemerkung macht seine Frau ihm deutlich: Ich hasse Dich für das, was Du tust!
Wie Du uns kontrollierst und unterdrückst. Sein Traum einer glücklichen Familie rückt in unerreichbare Ferne.
Das ist die Schuld meiner Frau, für die ich immer nur das beste wollte, denkt Herr Carstensen! Aber die zieht ja nicht mit.
Dass seine Frau inzwischen immer häufiger Beruhigungsmittel einnimmt – er sieht es nicht.
Nur dass sie viel zu häufig das Haus verlässt. Häufiger als sie eigentlich müsste.
Was steckt da dahinter, grübelt Herr Carstensen. Ein Gedanke, der ihn tagein, tagaus nicht mehr loslässt.
Er hat in den letzten Wochen wiederholt einen über den Durst getrunken. Aber das hat er unter Kontrolle.
Nein, was ihm zu schaffen macht, ist seine Angst. Tief, abgründig, undefinierbar. Dass alles zusammenbricht.
Und das einzige, das ihm helfen würde, wäre seine Frau: Sie soll ihm endlich sagen, wohin sie so häufig geht.
Zu wem sie da geht. Was sie dort findet, das er ihr nicht bieten kann?

Eines Tages bricht es aus ihm heraus. Er schreit seine Frau an. Er haut ihr all das um die Ohren.
Und als sie so tut, als wüsste sie von nichts, da schlägt er zu. Eine Ohrfeige nur.
Für die er sich auch bald darauf entschuldigt. Aufrichtig, von ganzem Herzen: Nie wieder wird ihm das passieren.
Es dauert keine zwei Wochen, dann rutscht ihm wieder die Hand aus. Eine Woche später noch mal.
Wenn er mit seiner Frau streitet, hat er sich nicht mehr im Griff. Er schämt sich zutiefst dafür.
Und nun greift er nach solch schweren Auseinandersetzungen auch wiederholt zur Flasche.

Was ist mit Herrn Carstensen passiert?
Sünde ist wie ein Sog, angetrieben von der Angst. Die Angst, dass sein Leben daneben gehen könnte, diese Angst lässt Herrn Carstensen nicht mehr los. Schuld sind natürlich die anderen – er muss sie zu seinem, zu ihrem Glück zwingen.
Und als er das mit Worten nicht mehr kann, da findet er andere Wege.
Dann aber ist es, als breche die Sünde ein. Und eine böse Tat zieht die nächste nach sich.
Das Böse entwickelt eine Sogwirkung. Herr Carstensen verliert die Kontrolle.
Die Sünde ist eine Sucht. Ein Prozess, der Kontrolle über uns erlangt. Angetrieben von Angst – oder Neid oder Machtstreben. Eines folgt auf’s andere – wir können uns ihr kaum noch entziehen.
Dann ist die Sünde wie eine eigenständige Macht, die von uns Besitz ergreift. Die Kontrolle über uns hat.
Sucht ist Sünde – und Sünde ist wie eine Sucht!

Wieder einige Monate später wird Herrn Carstensen klar: Er steht jetzt am Scheideweg.
Seine Frau ist ausgezogen – sie hat die Kinder mitgenommen. Vielleicht hat sie ja recht, denkt Herr Carstensen.
Die Kollegen machen einen Bogen um ihn: Da ist er wieder, der Choleriker.
Auch Freunde und Bekannte tun sich schwer mit seinen Launen und seinen krassen Schuldzuweisungen an seine Frau.
Könnte nicht auch ein Teil der Verantwortung bei Dir liegen, hat ihn ein guter Freund gefragt.
Nein, hat Herr Carstensen ihn abgeschmettert.
Aber seitdem nagt die Frage an ihm. Eines Nachts hat er einen Alptraum: Sein Ende. Seine Beerdigung, davon träumt er.
Und wie der Pfarrer spricht: Von einem, der seine Familie schlug. Der sich dann betrunken hat. Immer einsamer wurde.
Schließlich an einer Leberzirrhose krepierte. Einer, der nicht eingestehen konnte, wo er schuldig geworden war.
Und dass auch so einem Gott gnädig sein wird.
Wütend will Herr Carstensen gegen die Worte des Pfarrers anschreien. Loswüten!
Aber dann sieht er in seinem Traum seine Frau und seine Kinder. Wie sie in der ersten Bank sitzen.
Und nicken! Und sich verstanden fühlen! Von diesen Worten.
Und das zerreißt ihm das Herz. Er erwacht: Schweißgebadet. Was tun?

Aus der Sucht gibt es nur einen Weg: Das volle Eingeständnis des Suchtkranken.
Dazu stehen, welche Schuld er auf sich geladen hat. Klar sagen, wofür er die Verantwortung übernimmt.
Und die Konsequenzen daraus ziehen.
Sonst droht ihm der Tod. Zunächst der soziale Tod, weil Verwandte, Freunde und Bekannte – hoffentlich – weg bleiben. Um ihm deutlich zu machen, wie sehr er sie missbraucht. Und nicht selten zieht eine Sucht den leiblichen Tod nach sich.

Das gilt für die Sucht. Aber auch für die Sünde? – Ich denke: Ja. Sünde ist wie eine Sucht.
Keiner von uns ist frei von dieser Angst, dass das eigene Leben scheitert.
Im Gegenteil: Jeder von uns ist suchtkrank. Süchtig nach dem glücklichen Leben. Und damit anfällig für diese Angst vor dem Scheitern.
Und diese Angst, die verleitet uns immer wieder, zu unsauberen Mitteln, zu Gewalt gar zu greifen. Andere zu meinem Glück zu zwingen. Und die Sünde ist wie eine Sucht, weil sie eine Sogwirkung entfaltet. Eines das andere nach sich zieht.
Da hilft nur, die Dinge beim Namen zu nennen. Sich dazu zu bekennen. Und um Hilfe zu bitten. Sünden-bekenntnis.
Wir tun das zu Beginn eines jeden Gottesdienstes. Weil wir glauben: Es gibt einen, der uns aus diesem Sog befreit.
Wenn wir nur klar eingestehen, dass wir gescheitert sind. Er hilft uns gerne – aber er kann nicht helfen, ohne unser offenes Eingeständnis.

Wie bei der Sucht. Der Suchtkranke braucht einen Begleiter.
Einen, der die Tür aufmacht, durch die der Suchtkranke, der Sünden-Süchtige selber geht.
In ein neues Leben, von Gott gegeben. In dem unsere Hoffnungen wahr werden können.
Wir von der Angst befreit sind, unser Leben könnte scheitern. Amen.

Geschrieben von Ulrike Knichwitz am 01. August 2010

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