Geschenkte Zeit – Predigt über Kohelet 3,1-11

Liebe Schwestern und Brüder,
ich will Ihnen heute morgen erzählen von einem Dichter und zwei Philosophen – und vom Sinn und Zweck des Müßiggangs. Nämlich dass er keinen haben darf! Aber dazu gleich mehr. Zwei Philosophen und ein Poet!

Wenn er sich zum Mittagsschlaf zurückzog, hängte der französische Dichter Saint-Pol-Roux an seine Tür das Schild: »Poet bei der Arbeit«.
Isaac Newton kam die Erleuchtung zu seiner Gravitations¬theorie, als er im heimischen Obstgarten versonnen einen Apfel betrachtete – dass ihm dieser auf den Kopf fiel, ist allerdings Legende.
Und René Descartes, der Begründer des modernen Rationalismus, entwickelte seine Gedanken mit Vorliebe morgens im Bett. Kein Wunder, dass Descartes irgendwann auf die Idee verfiel, sein untätiger Körper und sein hellwacher Geist gehörten zwei unterschiedlichen Sphären an: Res extensa und res cogitans!
Und Descartes‘ Spitzensatz „Cogito, ergo sum.“ – Ich denke, also bin ich. Man sollte ihn wohl besser übersetzen mit: Ich liege denkend im Bett, also bin ich.

Heute hingegen: Descartes würde vermutlich morgens aus dem Bett springen, seinen Laptop einschalten und als Erstes das elektronische Postfach checken. Dort würde eine Flut aufgelaufener E-Mails auf ihn warten – für die Entwicklung des Kartesianismus bliebe keine Zeit.

Muße zum Nachdenken? Fehlanzeige. Zeiten der Muße sind zur bedrohten Ressource geworden.
Und dieser Mangel durchzieht alle Lebensbereiche. Denn wir leben, wie Soziologen diagnostizieren, in einer „Beschleunigungs¬gesellschaft“, in der das Gefühl des Gehetztseins zum Dauerzustand geworden ist. Ob unter Managern oder Politikern, Selbständigen oder Angestellten – überall breitet sich das Gefühl aus, permanent unter Druck zu stehen. Ständig an Quartalsbilanzen, Umfragewerten oder Effizienz¬steigerungen gemessen zu werden und sich keine Atempause gönnen zu dürfen.
Und wenn ich meinen Konfirmanden richtig zugehört habe, dann haben wurde diese Lebensweise gerade mit G8 in die Schulen importiert.

Was wir zwischen Termindruck und Multitasking schmerzlich vermissen, das sind nicht so sehr die Zeiten des erschöpften Abhängens im Modus des Chillens, sondern vielmehr jene mußevollen Stunden, in denen wir Herr über unsere Zeit sind. Zweckfrei.
Dabei geht es nicht um den Luxus einiger verwöhnter Philosophen. Wir alle brauchen immer wieder Auszeiten vom permanenten Getriebensein; sonst leiden nicht nur Fantasie und Kreativität, sondern auch unsere sozialen Beziehungen und letztlich unsere Gesundheit.

Wo also bleibt die Muße? Warum tun wir es nicht einfach? Weil es da vier Hürden gibt.

Das erste Hindernis besteht in jenem Glauben, den uns all die simplify your life –Ratgeber und Zeitmanager suggerieren: Es handle sich um ein rein individuelles Problem, das man durch eigene Verhaltensänderung leicht lösen könne. Plane Dich besser! Setz Prioritäten! Usw.
Dabei ist das Gefühl des ständigen Gehetztseins längst ein kollektives Problem: Wer von lauter gehetzten Menschen umgeben ist, kann sich selbst davon nicht plötzlich ausnehmen und zum entspannten Müßiggänger werden.

Das zweite Hindernis: Wer Muße nur als Zeit der Wellness und Fitness versteht, unterwirft sie prompt wieder jenem Nützlich¬keits¬denken, das bereits unseren Arbeitsalltag regiert.
Muße wäre dann nichts anderes als eine Methode – mit dem Zweck, die Schaffenskraft wiederherzustellen.
Muße ist aber etwas anderes: In Zeiten des Müßiggangs kommt man zu sich selbst, philosophiert vielleicht, genießt die Natur oder bildet sich weiter. Vor allem unterliegt die Muße keiner Verwertungslogik. Keiner Verzweckung. Schöpfungsruhe.

Müßiggang ist ein Lebenswert an sich. Hirnforscher wissen: Ein gewisser Leerlauf im Kopf ist für unsere geistige Stabilität unabdingbar. Ihn zuzulassen fällt heute jedoch zunehmend schwer.
Das Nichtstun gilt als unproduktiv und öde. Und darunter leiden selbst jene, die ein Übermaß an Zeit haben – Arbeitslose, Hartz-IV-Empfänger, Zwangs¬entschleunigte.
Und bei Erwerbstätigen – da stehen selbst Wochenenden, Urlaubs- und Feiertage unter Erfolgsdruck – in diesen Zeiten will schließlich all das nachgeholt sein, was im Alltag zu kurz kommt: Erfahrungen mit der Familie, Innigkeit in der Beziehung, Musizieren und Sport – und wir wundern uns, warum sich die lang ersehnte innere Ruhe nicht so recht einstellen will.
Das ist das dritte Hindernis: Der permanente Erwartungsdruck.

Und der wird noch verstärkt durch das vierte Hindernis, das uns die Beschleunigung selbst geschenkt hat: Unser Wohlstand und damit eine schier unendliche Vervielfältigung der Möglichkeiten.
Aber eigentlich wissen wir das ja: Ein Mehr an Möglichkeiten macht Menschen nicht glücklicher.
Wer zwischen einer kaum zu überschauenden Zahl von Fernsehkanälen oder Joghurtmarken wählen muss, gewinnt nicht an Freiheit, sondern erhöht seinen Stresspegel.
Kurioserweise versuchen wir diesen Frust oft mit just demselben Mittel zu bekämpfen, das ihn uns beschert hat: Mit weiterem Konsum.
Wer sich gestresst fühlt, bucht den Entspannungskurs, wer die Hausmusik vermisst, gönnt sich neue CDs, wer unter Zeitdruck leidet, kauft den Ratgeber zum Zeitmanagement – so, als ob man sich damit die Zeit zurEntspannung gleich mitkaufen könnte.

Nein, die wahre Kunst des Müßiggangs besteht nicht in entsprechenden Muße-Angeboten.
Sondern in einer Haltung.

Es gibt dazu ein Gedicht: Ein Gedicht in sieben Strophen – mit Vorsatz und Erläuterung.
Es steht im Alten Testament, beim Prediger Salomos, im dritten Kapitel.
Ich lese es in einer eigenen Übersetzung. Kohelet schreibt:

1 Für alles gibt es eine bestimmte Stunde.
Und für jedes Vorhaben unter dem Himmel eine Zeit.

2 Zeit zu gebären und Zeit zu sterben,
Zeit zu pflanzen und Zeit auszureißen,
3 Zeit zu töten und Zeit zu heilen,
Zeit einzureißen und Zeit zu bauen,
4 Zeit zu weinen und Zeit zu lachen,
Zeit zu trauern und Zeit zu tanzen,
5 Zeit Steine zu werfen und Zeit, Steine zu sammeln,
Zeit zu umarmen und Zeit, das Umarmen zu meiden,
6 Zeit zu suchen und Zeit, verloren zu geben,
Zeit zu bewahren und Zeit wegzuwerfen,
7 Zeit auseinander zu reißen und Zeit zusammenzunähen,
Zeit zu schweigen und Zeit, Worte zu machen,
8 Zeit zu lieben und Zeit zu hassen,
Zeit für den Krieg und Zeit für den Frieden.

11 Alles hat Gott schön gemacht zu seiner Zeit,
auch hat er die Ewigkeit in das Herz der Menschen gelegt.

Das erste, was mir auffällt, ist: Kohelet wäre ein vehementer Gegner jedes Multitaskings.
Vielmehr: Alles hat seine Zeit – eins nach dem anderen. Um jedes bewusst zu tun.
Kohelet geht es um sinnvoll gefüllte Zeit – und jede Tätigkeit hat ihre Stunde.
Auch der Schabbat, der jüdische Sonntag. Im Wechsel von Tätigwerden und Zur-Ruhe-Kommen können wir unsere Lebenszeit auskosten, weil sie geschenkt ist.
Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit. Das Gespür von Ewigkeit aber, das Verlangen danach, Zeit zu haben, ist in unser Herz gelegt, schreibt Kohelet.

Es ist wie mit Erntedank, das wir letzten Sonntag gefeiert haben: Gott schenkt uns nicht nur Früchte und Erntegaben, die wir zum Überleben brauchen. Zum guten Leben schenkt er uns Zeit.
28.000 Tage, 660.000 Stunden, 39 Millionen Minuten – grob geschätzt – die uns geschenkt sind.
Über die wir dem Geber unserer Lebenszeit keine Rechen¬schaft ablegen müssen – jedenfalls nicht hinsichtlich ihrer effizienten Verwertung.

Die besten Lehrmeister im Erlernen des Müßiggangs sind übrigens kleine Kinder. Als junger Vater kenn‘ ich das: Wer mit Kindern Zeit verbringen will, der muss sich auf ihr zweckfreies Spiel einlassen.
Das Herumkramen in der Kiste mit den Bausteinen – ohne gleich vorzuschlagen: Komm, wir bauen einen Turm! Sondern das versonnene Genießen der Zeit, in der ich in Übereinstimmung bin zwischen mir und dem, worauf es in meinem Leben ankommt.
Leben – und sei es auch mal ohne Zweck. Denn es ist gut so. Amen.

Predigt gehalten von Pfarrer z.A. Stefan Heinemann am 10. Oktober 2010

Geschrieben von Ulrike Knichwitz am 10. Oktober 2010

Keine Kommentare zum Thema