Im fiktiven Dialog mit Philipp Melanchthon

Predigt zu Kolosser 2,8, gehalten von Pfarrer z.A. Stefan Heinemann
am Reformationstag 2010 in der Arche

1) Einleitung
Liebe Schwestern und Brüder,
im Gottesdienstplan steht es zwar anders – aber heute predige nicht ich. Den Predigttext aus dem Brief an die Kolosser, den wird uns gleich kein geringerer auslegen als Philipp Melanchthon selbst. So wie er es tat anno 1527 für die Gemeinde in Wittenberg.
Da hat er über diesen Text gepredigt – und über den Unterschied zwischen dem christlichen Glauben und der menschlichen Vernunft. In Anlehnung an seinen Bibeltext nennt Melanchthon diese natürliche, menschliche Vernunft – das klingt für uns jetzt etwas ungewohnt – ‚Philosophie‘.
Was soll uns Melanchthons Stimme, 500 Jahre aus der fernen Vergangenheit, heute sagen? Das möchte ich ihn auch fragen. Und werde unseren Prediger daher immer wieder einmal unterbrechen, um doch auch den Bezug aufs Hier und Jetzt herzustellen.

Also, was heißt es, wirklich christlich zu leben und christlich zu denken. Philipp Melanchthon predigt über Kolosser 2,8.
In der Übersetzung, die noch heute den Namen seines guten Freundes Martin Luther trägt, da lautet dieser Vers im Zusammenhang:
„Wie ihr (Christen in Kolossä) nun den Herrn Christus Jesus angenommen habt, so lebt auch in ihm und seid in ihm verwurzelt und gegründet und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und seid reichlich dankbar.
Seht zu, daß euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus.“ (Kol 2,6ff)
Werter Philipp, was habt Ihr uns dazu zu sagen?

2) Das Gute der Vernunft
Nun, an dieser Stelle wird ein Vergleich gezogen zwischen der menschlichen Gerechtigkeit und der christlichen. Und es ist absolut notwendig zu erkennen, was denn der Unterschied zwischen den beiden ist. Wir müssen wissen, wie sehr Gott die menschliche Gerechtigkeit fordert und wie sehr er sie verwirft. Die Philosophie
– damit bezeichnet Ihr in unseren heutigen Worten die Vernunft, werter Philipp? –
Ja, ja die Vernunft, die Philosophie – sie ist die Kunst, von den natürlichen Dingen zu reden und von der bürgerlichen Sitte. Wenn sie allein von natürlichen Dingen und bürgerlichen Sitten handelt, die sie beide auf sicherer Grundlage begreift, dann ist die Philosophie eine wahre und gute Kreatur Gottes. Dann ist sie das Urteil der Vernunft, das Gott für die natürlichen Dinge und die bürgerlichen Sitten als wahr und gewiss unserer menschlichen Natur gegeben hat.
So, wenn Paulus spricht zu den Römern im zweiten Kapitel: „Den Heiden ist das Gesetz Gottes in die Herzen geschrieben.“ (Röm 2,15) Das will sagen, sie, die Heiden, haben eine feste Grundlage, auf der sie richten oder urteilen können: Nämlich dass man niemanden beleidigen soll, dass man für Wohltaten danken soll und dass man der Obrigkeit gehorsam sei und dergleichen. Also haben die Menschen von Gott her ein wahres und gerechtes Urteil über die bürgerlichen Sitten. […]

Werter Philipp, ihr wollt uns sagen: Die Vernunft ist uns – bei richtiger Handhabung – eine gute Richtschnur durch unser Leben. Ist das korrekt?
Ja. Darum, wenn Paulus sagt: „Hütet euch, dass euch niemand betrüge durch die Philosophie“, so soll man das nicht so verstehen, dass die Philosophie
– also die Vernunft!
Ja, ja, ja, die Vernunft überhaupt unnütz und erlogen sei. Denn sie lehrt uns doch überhaupt erst reden […]. Gott vergönnt uns, dieses Urteil der Vernunft zu gebrauchen, gleichwie wir Kleidung und Nahrung gebrauchen. […]
Werter Philipp, zuletzt seid ihr ja richtig emotional geworden. Das ist doch eigentlich etwas, das man weniger euch als eurem handfesten Busenfreund Martin Luther zutraut. Nun, aber dass ihr als aufrechter Humanist eine Lanze für die Vernunft brecht, verwundert mich beim zweiten Nachdenken nicht. Ihr habt sie ja sehr gelobt.
Können wir es nun dabei belassen?

3) Drei Irrtümer der Vernunft
Nein, denn die Philosophie irrt an Gott in dreierlei Weise: Zum ersten irrt sie, was die Lenkung des Weltgeschehens an sich angeht. Denn obwohl die Philosophie gerade noch zugibt, dass Gott alle Dinge erschaffen hat, so wird doch ihre Vernunft verletzt und erzürnt, weil so viele ungerechte Dinge in der Welt geschehen. Daher leugnet sie, dass die Dinge, und was alles passiert, von Gott regiert werden.
Und sie träumt, dass Gott jetzt eben eine Ruhepause hat und der Natur ihren Lauf lässt. Wie ein Zimmermann, der ein Schiff gemacht hat. Der geht weg, wenn er fertig ist, überlässt das Schiff dem Wasser und lenkt es nicht.
Aber hier erhebt die christliche Lehre Widerspruch und mahnt uns, dass wir uns nicht durch die Philosophie betrügen lassen. Denn genau dann betrügt uns die Philosophie, wenn sie anfängt, über Gott zu urteilen oder darüber, was er in der Welt anfängt – denn der leibliche Mensch vernimmt von Gottes Dingen nichts. […]
Gottes Wille wird allein aus Gottes Wort gelernt. Wie schon Jesaja sagt: „Hin zum Gesetz und hin zur Offenbarung! Werden sie das nicht sagen, wird ihnen kein Morgenrot scheinen.“ (Jes 8,20)
Darum soll man gewisse und deutliche Worte aus der Schrift wählen, in denen wir lernen können – nicht allein, wie die Dinge von Gott her beschaffen sind, sondern auch […], dass Gott eben nicht fortgegangen ist wie ein Werkmeister vom Schiff. Sondern dass er die Dinge lenkt, wie ein Steuermann das Schiff lenkt[…].

Werter Philipp, Gott ist nicht allein der Zimmermann, nein, er bleibt auch als Steuermann an Bord. Das ist ein schöner Gedanke. Dieses Bild merke ich mir für eines jener Gespräche, die immer beginnen mit dem Satz: „Wie kann Gott das zulassen?“ Denn das fragen sich Menschen auch heute immer wieder: Wie kann Gott das zulassen?
Eure Antwort: Wenn wir so fragen, dann versuchen wir, Gottes Handeln nach unseren Maßstäben zu beurteilen.
Aber das kann nicht gut gehen. Denn Gott ist anders! Er steuert nicht einfach nach unseren Maßstäben, sondern er hält alles in seiner Hand. Keine einfache Einsicht im Angesicht von Katastrophen, Leid und Tod. Aber eine notwendige, wenn man Gott wirklich als den allmächtigen Schöpfer unserer Welt akzeptiert.
Aber, werter Philipp, ihr spracht von drei Irrtümern der menschlichen Vernunft. Welches ist der zweite?

Nun, zum andern irrt sich die Philosophie in Sachen Gerechtmachung, wenn sie vor Gott die Meinung vertritt, die bürgerliche Gerechtigkeit sei genug. […]
Wie bei den Bienen nicht die natürliche Kraft sie zu Christen macht oder gerecht vor Gott – also machen auch die bürgerlichen Sitten oder die natürlichen Kräfte allein nicht gerecht vor Gott.
Die Bienen etwa haben Weisheit und Einsicht. Denn sie bauen Häuser und organisieren sich bürgerlich. Sie haben Gerechtigkeit, denn sie folgen ihren Königen ganz fleißig. So helfen sie einander, sie laden den Müden die Lasten ab, sie schützen sie vor Gewalt und Unrecht. Es ist auch in ihnen eine wunderliche Stärke, wenn sie heftig mit den Drohnen streiten – das sind unnütze Bienen ohne Stachel. Zu guter Letzt muss man sagen, sind sie sehr maßvoll und selbstlos, denn sie wissen nichts von Unkeuschheit und machen Honig für uns.
Und wie sie wegen solcher Tugenden nicht gleich Christen genannt werden, die Bienen, so sind auch die Menschen nicht Christen allein ihrer bürgerlichen Sitten wegen, sondern allein weil sie glauben: Gott hat uns durch Christus die Sünde erlassen und uns in Gnade angenommen.
Wie Paulus schreibt: „Wir halten dafür, dass die Menschen gerecht werden durch den Glauben ohne die Werke des Gesetzes.“ (Röm 3,28) […] Aber in den Ungläubigen streiten Vernunft und Evangelium gegeneinander, weil das Evangelium leugnet, dass die bürgerliche Gerechtigkeit vor Gott genüge.

Werter Philipp, welche Enttäuschung für manchen Zeitgenossen: Die Einhaltung von Recht und Gesetz, Gutmenschentum allein genügt nicht, um vor Gott gut angesehen zu sein?
Es geht nicht darum, Gottes Gesetz dem Buchstaben nach zu befolgen, sondern vielmehr den Sinn dahinter, die ‚ratio legis‘ zu leben. Nämlich im Vertrauen auf Gott das eigene Leben in seine Hände zu legen. In der Gewissheit: Er wird es gut machen. Und dann aus dieser Geborgenheit heraus zu leben. Und sich aus dieser Geborgenheit heraus bemüßigt fühlen, Gottes Gesetz der Nächstenliebe sichtbar umzusetzen. Nicht weil es sein Gesetz ist, sondern weil es dem entspricht, was Gott uns schenkt: Seine Zuwendung. Seine Liebe. Aber ihr habt recht, werter Philipp, mit Vernunft allein ist dies nicht zu erfassen. Es braucht Vertrauen. Glaube.
Ihr spracht von einem dritten Irrtum. Welcher ist das?

Zum dritten wird die Vernunft betrogen – oder besser: sie irrt, wenn sie meint, aus sich selbst heraus genug Kraft zu haben gegen all die Laster – und nicht sieht, wie nötig man den Heiligen Geist braucht. Denn der macht die Herzen reiner und regiert uns, damit wir nicht von der Blödheit unserer Natur oder vom Teufel überwältigt und in offene Laster und Sünden gestürzt werden. […] Darum verheißt Christus den Heiligen Geist, damit er die Herzen umkehre und regiere und steuere. […] Denn so schreibt Paulus: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“
Nun, werter Philipp, auch dies ist eine harte Nuß für all die, die in unserer Kirche bloß die Bewahrerin abendländischer Werte sehen wollen. Diesem Anspruch kann und will sie nicht genügen. Wir brauchen nicht neue Werte, wie ihr sagt, sondern den Heiligen Geist. Denn Werte allein lassen uns allein damit, ihre Anforderungen umzusetzen.
Wer gibt uns die Kraft, uns zu ändern? Mit alten Gewohnheiten – dem unreinen Herzen und der bösen Begierde – wer gibt uns die Kraft damit zu brechen, um Gutes zu tun? Wir brauchen den Heiligen Geist – die Kraft der Liebe Gottes – um uns und die Welt so zu verändern, wie Gott es will. Werter Philipp, ich hoffe, ich habe Euch so richtig verstanden.
Mögt ihr abschließend noch einmal sagen, wie Vernunft und Evangelium zusammen passen?

4) Evangelium und Vernunft auseinanderhalten
Ja. Also die Philosophie oder anders: das Urteil der Vernunft kann über den Willen Gottes überhaupt nichts Gewisses aussagen. Jedoch über die Natur der Dinge und die bürgerlichen Sitten kann sie recht urteilen. Darum irren die, die aus Vernunft oder Philosophie über die christliche Lehre urteilen. Ja, es ist oft ein großer Trost der Gläubigen, dass der Wille Gottes nicht durch das Urteil unserer Vernunft wahrzunehmen ist. So sehr wir auch meinen, alles über die Gerechtmachung zu wissen. Nein! Dass Gott allein den Glauben als Gerechtigkeit anrechnet, das tröstet wunderbarlich das Gemüt.
Wiederum irren aber auch die, die die Philosophie verachten, wenn sie nur über die natürlichen Dinge urteilt. Denn damit verschmähen sie diese Gabe Gottes, die wir mit Dank gebrauchen und sie für eine Wohltat Gottes halten sollen. […]
Paulus sagt also nicht, dass die Philosophie an sich böse sei, sondern so spricht er: „Seht zu, dass euch niemand betrüge durch die Philosophie“, so als ob er sagte: Schau, dass dich der Wein nicht betrügt.[…]
Denn das Evangelium ist eine Lehre des geistlichen Lebens und der Gerechtmachung vor Gott. Die Philosophie dagegen ist eine Lehre des leiblichen Lebens. […] Paulus gebietet aber, das Wort der Wahrheit rechtschaffen auszuteilen.
Darum haben wir uns davor zu hüten, das Evangelium und die Philosophie zu vermischen – und ebenso davor, dass wir die Philosophie ablehnen, wo Gott sie zulässt und lobt. […]

Werter Philipp, das wird mir zu denken geben: Gott ist der Steuermann – aber er lenkt das Schiff nicht nach unseren Maßstäben. Im Glauben schenkt er uns Vertrauen, dass wir seinen Wegen der Menschenliebe folgen. Aus freien Stücken – und nicht, weil es sein Gesetz ist. Die Kraft, uns zu ändern, die aber finden wir auch bei ihm. Im Heiligen Geist.
Werter Philipp, vielen herzlichen Dank für Eure guten, gelehrten Worte. Wir werden beizeiten auf euch zurück kommen. Amen.

Geschrieben von Ulrike Knichwitz am 31. Oktober 2010

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