Predigt zum drittletzten Sonntag im Kirchenjahr 2010

Prädikantin Irmela Richter hat über einen Gedanken des Apostels Paulus aus  Röm 14, 7-9 gepredigt:

Liebe Gemeinde,

es gibt Dinge, über die spricht man nicht. Geld ist z.B. so ein Tabuthema. Entweder man hat es oder man hat es nicht, aber man spricht nicht darüber.

Es gibt weitere Tabuthemen. Oft sind es Themen, die uns unangenehm sind. Wir müssten zu viel von uns preisgeben, wenn wir darüber offen sprechen. Oder aber das Thema macht uns Angst.

Zu den eher persönlichen Themen gehört mein eigener Glaube. Es scheint mir zu privat, um mich öffentlich dazu zu äußern. „Mein Glaube geht niemanden etwas an, das ist einzig und allein eine Sache zwischen mir und Gott“, so hat es mal eine junge Frau auf den Punkt gebracht.

Ein anderes Thema, das uns einerseits fasziniert, und vor dem wir uns andererseits fürchten, ist der Bereich um Tod und Sterben. Die Faszination kennt vermutlich jeder: Es gibt kaum eine Zeitungsseite, die so regelmäßig und so gründlich gelesen wird, wie die Seite mit den Traueranzeigen. Und am vergangenen Wochenende, am Reformationsfest, sind Kinder und Jugendliche mit Totenmasken verkleidet oder als Untote geschminkt durch die nächtlichen Straßen gezogen und haben Halloween gefeiert. Schaurig schön!

Im Gegensatz dazu ist die Auseinandersetzung mit der Endlichkeit des eigenen Lebens ein Thema, dem wir lieber weiträumig aus dem Weg gehen. Es braucht oft erst einen Anlass, um eine Patientenverfügung oder einen Organspende-Ausweis auszufüllen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Brief des Apostels Paulus an die Römer im 14. Kapitel, die Verse 7 bis 9. Paulus findet hier Worte, die diese beiden Themen aufgreifen: Wie verhält sich unser Glaube zu unserem Leben und Sterben?

Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.

Als ich bei der Vorbereitung der Predigt diesen Text las, war mein erster Gedanke: Das ist ja so bekannt, was soll ich denn darüber in einer Predigt noch sagen? Wie oft haben wir diese Worte bei Trauerfeiern und beim Totengedenken schon gehört! Es sind Worte, die uns helfen wollen, ins Leben zurück zu finden. Sie sind fester Bestandteil unserer Trauerkultur.

Wenn ich diese Verse jedoch genauer betrachte, dann fällt mir trotz aller Vertrautheit auf, dass die Sprache ziemlich kompliziert ist: Unser – keiner – lebt – sich – selber. Und: keiner stirbt – sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Was ist Genitiv, was Dativ – und wie stehen sie zueinander?

Die Sprache der Lutherbibel ist für moderne Ohren nicht immer eingängig. In solchen Fällen kann der Blick in moderne Übersetzungen helfen. Eine ganz neue Übertragung, die von Laien und Theologen gemeinsam im Internet erarbeitet wurde, ist die Volxbibel. Hier klingen die Verse so:

„Ist doch klar: Unser Leben dreht sich nicht mehr um uns selbst – und unser Tod auch nicht. Wir leben nur noch für Jesus und sterben tun wir auch nur für ihn. Egal wie du es auch drehst, wir haben unser Leben radikal an Gott verschrieben. Jesus Christus, unser Held, ist ja gestorben und dann wieder lebendig geworden, damit er die Regler von allen Menschen in die Hände bekommt – und zwar von allen, den toten und den lebendigen Menschen.“

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Aber ich persönlich finde nicht, dass die Volxbibel trotz ihrer modernen Sprache zu einem besseren Verständnis beiträgt.

Vermutlich ist es das Thema, mit dem wir uns schwer tun. Die Frage, auf die der Predigttext eine Antwort geben will, lautet doch: Wie kann ich so leben, dass ich am Ende meines Lebens beruhigt und frei von Angst sterben kann?

Ja, es gibt sie, die Menschen, die ihrem Tod mit großer Ruhe und sehr gefasst entgegen gehen. Die möglicherweise sagen: „Ich hatte ein schönes Leben, jetzt kann ich zu meinem Herrn gehen.“

Ich vermute, eine solche Haltung wünschen sich viele Menschen. Aber ob das bei mir dann einmal so sein wird …- wer kann das wissen? Viel hängt sicher davon ab, WIE wir unser Leben gestalten, WIE unser Glaube an den Erlöser unser Leben formt.

Paulus geht im 14. Kapitel beispielhaft auf eine Diskussion innerhalb der römischen Gemeinde ein:

Was ist ein schwacher Glaube und was ist ein starker Glaube? Ist ein Glaube schwach, wenn sich jemand an die Einhaltung bestimmter jüdischer Speise- und Reinheitsvorschriften hält? Ist es ein Ausdruck von starkem Glauben, wenn jemand selbst entscheidet, was er wann isst? Und hat jemand, der in diesem Sinn einen starken Glauben hat, das Recht, über andere mit einem vermeintlich schwachen Glauben zu richten? Welches ist der bessere Glaube? Wird der eine von Gott angenommen und der andere nicht?

Jesus hat in seinen Predigten immer wieder darauf hingewiesen, dass es eben nicht darauf ankommt, buchstabengetreu die Vorschriften einzuhalten, um von Gott angenommen zu werden.

Paulus legt Wert auf die Feststellung, dass jeder die Freiheit hat, sich selbst zu entscheiden, wie er seinen Glauben leben will. Die Einhaltung der alten jüdischen Vorschriften ist kein Qualitätsmerkmal des Glaubens.

Offenbar ist bei den frühen Christen das Pendel von strikter Einhaltung der Vorschriften zur entgegen gesetzten Seite ausgeschlagen, nämlich zur Forderung der Befreiung von alten Regeln. Beide Extreme helfen den Menschen aber nicht, ein zufriedenstellendes Maß zu finden.

Im Grunde haben wir es in unserer Gesellschaft im Moment mit einer ganz ähnlichen Entwicklung zu tun: Noch vor 100 Jahren gab es einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber, was richtig oder falsch, was gut oder böse ist. Entsprechend eindeutig waren die Vorstellungen über richtiges Verhalten.

Heute haben wir uns von vielen Zwängen befreit. Dafür kann man eine gewisse Orientierungslosigkeit beobachten:

Soll ich meinem Kind die Schaufel wegnehmen, weil es damit immer wieder andere Kinder schlägt? Oder soll ich dem Zweijährigen erklären, dass er anderen Kindern wehtut und er darum damit aufhören soll?

Soll ich die Kassiererin auf ihren Irrtum hinweisen oder soll ich das zu viel gegebene Wechselgeld einfach einstecken?

Kann ich den Mitreisenden im Ruhe-Abteil im ICE darauf aufmerksam machen, dass seine lauten Handygespräche ziemlich rücksichtslos sind?

Und wie ist das mit meinem Glauben?

Soll ich vor dem Essen ein Tischgespräch sprechen, obwohl Gäste da sind, die eher distanziert sind?

Kann ich im Kollegenkreis erzählen, dass ich am Sonntag in die Kirche war?

Kann ich vielleicht sogar darüber sprechen, dass ich für die Anliegen anderer Menschen bete?

Oder ist das alles zu indiskret oder zu aufdringlich? Werde ich vielleicht sogar in die Nähe fundamentalistischer Sekten gestellt, wenn ich all das tue?

Es ist heute nicht immer einfach zu entscheiden, was man tun kann und darf, und was man lieber lassen sollte. Das gilt für Fragen des menschlichen Miteinanders genauso wie für unseren Glauben.  In den letzten 40 Jahren haben wir viele verstaubte Moralvorstellungen abgelegt. Wir haben dabei ein großes Maß an Freiheit gewonnen.

Andererseits fehlt uns nun in dieser Freiheit die Sicherheit, die allgemeine Regeln geben. Jeder muss für sich selbst entscheiden, welches Verhalten richtig ist. Vieles ist erlaubt. Und vieles wird toleriert oder irgendwie ertragen. Woran kann ich mich halten, was gibt mir Orientierung? Wo sind die Wegweiser des Lebens?

Der Glaube an Jesus Christus, den Sohn Gottes kann uns Richtschnur und Wegweiser durch das Leben sein. Denn Jesus Christus ist gestorben und wieder lebendig geworden, um Herr zu sein über Tote und Lebende. Als Getaufte gehören wir zu ihm. Er ist unser Herr und nimmt uns an. An ihm können wir uns im Leben orientieren.

Im Gebet können wir zu ihm sprechen, ihm danken und für andere Menschen bitten. Mit Liedern können wir ihn loben und preisen. Im Gottesdienst hören wir auf Gottes Wort und im Abendmahl feiern wir die Erinnerung an und die Gemeinschaft mit unserem Herrn.

Es unsere Entscheidung, ob wir unser Denken und Handeln bewusst in die Nachfolge Jesu Christi stellen. Aber wenn wir das tun, dann sind wir nicht auf uns allein gestellt. Dann ist Christus mit uns. Dann dürfen wir darauf vertrauen, dass er uns nicht verlässt, weder im Leben noch im Sterben.

Der bekannte Rhetorik-Professor und Schriftsteller Walter Jens hat den Römerbrief in einer literarisch sehr gelungenen Form übersetzt. Die Verse unseres Predigttextes klingen bei ihm so:

Bedenkt:

Wenn wir leben,

leben wir für den Herrn,

und wenn wir sterben,

sterben wir für den Herrn.

Im Leben und im Sterben gehören wir ihm.

Denn dafür ist Christus gestorben

und wieder zum Leben gekommen,

um Herr über die Lebendigen und die Toten zu sein.

Amen

Foto: Irmela Richter

Geschrieben von Ulrike Knichwitz am 19. November 2010

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