Toleranz ist nicht Beliebigkeit (Johannes Rau Kolloquium der ekir)

Toleranz ist nicht Beliebigkeit“ war das Motto des Johannes-Rau-Kolloquiums 2010 in der Düsseldorfer Johanneskirche. In der Diskussion drehte sich alles um ein Thema: Integration.

Es gab Beifall, mal für diese Argumentation, mal für jene. Auf jeden Fall nahm das Publikum regen Anteil. Und auch die Diskussionsgäste hielten sich nicht zurück. Immer wieder kam das Streitgespräch im Rahmen des diesjährigen Johannes-Rau-Kolloquiums der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) „Toleranz ist nicht Beliebigkeit“ auf ein Thema zurück: die Integrationsdebatte, die durch Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ erneut angestoßen wurde.
„Toleranz heißt: Ich dulde etwas, was ich eigentlich ablehne“, sagte Rainer Forst, Professor für Politische Theorie und Philosophie der Universität Frankfurt am Main. Und er erklärte den historischen Zusammenhang: Toleranzedikte, also die Duldung, die einer Minderheit wie beispielsweise Jüdinnen und Juden gewährt wurden, belegten die Gruppe gleichzeitig mit dem Stempel von Menschen zweiter Klasse. „Du darfst hier sein, aber erwünscht bist du nicht.“ Das schwinge heute – auch in der Integrationsdebatte – noch immer mit.

Unerwünscht sein – in Deutschland als Türkin bzw. Türke zu gelten, in der Türkei als Deutsche bzw. Deutscher – kennt Lamya Kaddor, islamische Religionspädagogin, Autorin und Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes e.V. Duisburg, von ihren Schülerinnen und Schülern. Auf der Suche nach der eigenen Identität sei die Antwort der Jugendlichen: Dann bin ich eben Muslima, dann bin ich eben Muslim. Diese alleinige Identität als Muslim berge auch die Gefahr, Extremisten in die Hände zu fallen, so Kaddor.
Obwohl es seit Wochen diskutiert wird: Das Thema Toleranz und mit ihm die Integrationsdebatte interessierte die Düsseldorfer. Und so waren die Bankreihen der Johanneskirche in der Innenstadt der Landeshauptstadt gut gefüllt. Rund 200 Menschen waren an diesem Montagabend gekommen, um neben dem Streitgespräch erst einmal am Gottesdienst teilzunehmen.

In seiner Predigt erklärte Präses Nikolaus Schneider, dass es schon bei Paulus im Neuen Testament „heiße Debatten“ zwischen Judenchristen und Heidenchristen gab, zwischen denen, die der jüdischen Tradition folgten und denen, die sich von ihr frei machten – ähnlich der heutigen Integrationsdiskussion. „Es ist wichtig, nicht nur die Differenzen zu suchen, sondern zu finden, was uns gleich macht“, sagte Präses Schneider. Und Paulus‘ Antwort lautet: Beide – Judenchristen und Heidenchristen – sind Diener Gottes.
„Wer sind die Starken? Wer sind die Schwachen?“, fragte der EKD-Ratsvorsitzende und rheinische Präses in Anlehnung an Paulus. Paulus Antwort: Schwach sind die, die sich nicht von ihrer religiösen Tradition lösen können. „Was aber hilft uns das in der heutigen Diskussion?“, fragte Schneider. „Das Flüchten in die Rolle des Betroffenen hilft am Ende nicht.“ Es helfe nur gegenseitige Rücksichtnahme. „Das Ziel ist, in Gerechtigkeit und Frieden miteinander zu leben.“

„Integration ist ein soziales Problem, kein religiöses“, sagte Guntram Schneider, Minister für Arbeit, Integration und Soziales in Nordrhein-Westfalen, in der anschließenden Diskussion. Gleichzeitig gehe es dabei nicht um Assimilation. Und sofort kam vom Moderator Dr. Jens Voss, Redaktionsleiter in Krefeld bei der Rheinischen Post, der provokative Einwand: „Ist das nicht Wellness-Sprache?“ Denn Probleme wie mangelnde Deutschkenntnisse könnten nicht weggeredet werden. Ein Stück weit gebe er ihm Recht, sagte Guntram Schneider. Bedenke man jedoch, dass die Nachfrage an Integrationskursen größer sei, als es Angebote gebe, könne man auch fragen: „Wer ist hier der Integrationsverweigerer?“

Die Diskussion drehte sich auch um die Frage, ob sich die evangelische Kirche für andere Religionen – vor allem den Islam – öffnen oder aber ihr Profil schärfen müsse. Darauf hatte Dr. Volker Jung eine einfache Antwort. Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau erzählte von einer evangelischen Kindertagesstätte in Frankfurt, die zu 80 Prozent von muslimischen Kindern besucht wird. Sie stelle die Frage: Sollen wir eine muslimische Erzieherin einstellen? Und Jung antwortete „Ja“. Denn es gehöre auch zum Profil der evangelischen Kirche, Vielfalt zu akzeptieren: „Diese Vielfalt ist gottgewollt.“

Quelle: ekir.de

Geschrieben von Ingeborg Dahl am 22. November 2010

Keine Kommentare zum Thema