Ansprache zum Festtag der Offenen Tür „Es ist noch Platz in der Arche“ am 17.4.2011

Liebe Gemeinde,

Wir haben die beiden Raben im Anspiel gehört: „Land in Sicht“. Die Flut geht zurück – die Rettung ist in Sicht, der Regenbogen strahlt übers Land – alles wieder in Ordnung?

Nein, denn wir kommen mit unserer Sehnsucht nach Heil und Frieden in der Welt und nach einem Sinn bei Gott in die Krise, wenn uns furchtbare Katastrophen wie in Japan die Frage stellen, wo darin Gott bleibt und wann denn Gott eingreift! Die Noah-Geschichte versucht eine Antwort darauf.

Ebenso wie bei Noah in der jüdischen Überlieferung gibt es die Erinnerung an und Berichte von einer Sintflut in allen Kulturen dieser Erde. Aber Noah erzählt sie an einer entscheidenden Stelle anders: In den altorientalischen Flutberichten sind es die einen Götter, die die Vernichtung der Erde planen und wieder andere Götter, die die Rettung in Gang setzen. Unsere Noah-Geschichte erzählt uns demgegen-über aber von einem inneren Zwiespalt des einen Gottes.

Im Gesamtablauf der Urgeschichte ist die Schöpfung sozusagen aus dem Ruder gelaufen. Es heißt wortwörtlich: Die Erde hatte sich verderbt. Die Verdorbenheit zeigte sich darin, dass die ganze Erde von Gewalt erfüllt war. Alle Lebewesen hatten ihren Weg, ihr Leben verdorben – wie eine Epidemie war alles von Gewalt angesteckt. Es war, wie wenn ein verdorbenes Lebensmittel alle anderen in seiner Nä-he angesteckt hatte, z.B. wie beim Schimmel mit der Folge, dass man alles wegschmeißen muss. – So auch hier: Was schon verdorben ist, will Gott wegschmeißen, tilgen, wegwischen. Und Gott leidet wie ein Hund darunter, Gott seufzt tief auf (1. Mose 6,6), Gott bereut es, den Menschen gemacht zu haben, er ist die ganze Schöpfung und besonders den Menschen satt und leid. In seiner Wut ist er bereit, alles wegzuwischen, um neu anfangen zu können.

Doch wie verträgt sich die Aussage, Gott sei seine Schöpfung leid, mit der Vorstellung von einem all-mächtigen, allwissenden Gott. Hätte er nicht vorhersehen müssen, wie sich alles entwickeln wird? Wie kann ihm, dem Schöpfer, denn seine Schöpfung aus dem Ruder laufen? – Die Noahgeschichte schildert hier Gott mit sehr menschlichen Zügen: Auf der einen Seite geht es ihm so zu Herzen, dass die Schöp-fung sich nicht so entwickelt hat wie in seinen Idealen geplant – Was nicht so ist wie es sein soll, soll überhaupt nicht sein – die Folge des gekränkten Idealismus kann der Wille sein, das zu vernichten, was vorher geliebt war. Aber die andere Seite des Zwiespaltes in Gott ist die, dass er letztlich keine Befrie-digung findet an der Vernichtung des Geliebten – wir kennen es auch aus der Geschichte von Jona in Ninive und bei Hosea: Gott reut sein Zorn, wenn er Menschen findet, die im Einklang mit ihm leben wollen und dafür umkehren. Gott will seine Wahrheit später nicht mehr auf unendlichen Leichenbergen durchsetzen. Gott kann auf die Durchsetzung des Angedrohten verzichten, nicht weil er unzuverlässig und wankelmütig wäre, sondern weil seine Souveränität so groß ist, daß er eben nicht um sein Gesicht fürchten muß, wenn er seine Drohung nicht wahr macht. Darin zeigt sich Gottes Allmacht, in seiner Fähigkeit zur Schwäche, zu Gefühlen, zum Mitleiden und zur Reue. Gott hat es in seiner Macht nicht nötig, sich an die Spielregeln der Mächtigen zu halten. In Gottes Reue und Mitgefühl unterscheidet sich Gottes Macht von anderer Macht.

Gott will mit Noah, einem loyalen, solidarischen gerechten Mann die Menschheit, die Schöpfung retten und neu begründen. Noah ist die Ausnahme des verderbten Menschengeschlechts, mit ihm soll alles neu werden und alles anders – mit ihm und mit der Arche – mit 135 m Länge eineinhalb mal so lang und doppelt so breit wie die Gorch Fock.

Aber wie kann Gott, der in seinem gekränkten Idealismus, vernichten will, was er geschaffen hat, der-selbe sein, der das Leben wieder retten will. Und worauf können wir uns bei Gott verlassen? Worauf können wir bauen? Können wir sicher sein, dass nicht Launen im Himmel abermals und womöglich ein für alle Male alles Leben unter dem Himmel auslöschen? Das sind die Fragen der Flutgeschichte.

Vom Gebet, das Noah nach der Rettung der Arche zu Gott spricht, läßt Gott sich in seinem Herzen be-rühren. Die Worte, die Gott sich zu Herzen gehen läßt, enthalten eine neue Zusage für die Erde – und so auch für den Menschen – und sie enthalten eine Absage Gottes an sein eigenes früheres Tun:
„Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschheit willen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, so wie ich es getan habe“ (1. Mose 8,21)

Die Noahgeschichte berichtet, daß Gott sozusagen durch eine sozialpädagogische Weiterbildung ge-lernt hat: Menschen „werden“ so, sie sind nicht „von Natur aus“. Es bedarf also eines besonderen er-zieherischen Umgangs Gottes mit dem Menschen – und keine Neuzüchtung! Es wird keinen gänzlich neuen Menschen geben, damit findet sich Gott ab , das akzeptiert er, darin bereut er seine grenzenlose Wut – aber es kann auch Menschen geben, die im Einklang mit Gott leben wollen und die Gebote hal-ten, die sich engagieren für Gott und die Schöpfung. Gott hat sich vom utopischen Idealisten zum uto-pischen Realisten gewandelt. Gott ist bereit, die Fehlerhaftigkeit, das Nicht-Perfekte dieses Geschöpfes Mensch, ja auch dessen Neigung zum Bösen wahrzunehmen und anzunehmen. Das zu akzeptieren, fiel Gott nicht leicht, bedeutete es doch einen Abschied von seinem Konzept einer Welt, die als Ganze „sehr gut“ ist. So sagt Gott Ja zur zweibesten aller möglichen Welten. – In seiner Verwandlung wird Gott so weit gehen, dass er selbst in seinem Sohn Jesus Christus das Böse und die Sünde ausleiden und aus-tragen wird, die Menschen mit sich zu versöhnen und sie in ihrem Herzen durch seine ganze Liebe zu berühren. Und er wird ihnen in der Kraft des Geistes eine Vision von einer Welt einpflanzen wie sie sein kann, aus der absoluten Utopie wird eine realistische Utopie von einer Welt wie sie sein kann.

Zum Zeichen des neuen Bundes, den Gott, mit Noahs Familie und allen seinen Nachkommen, wird Got-tes Bogen in den Wolken, unser Regenbogen – im hebräischen ist es der Kriegsbogen Gottes. Aus dem Kriegsgerät wird ein Zeichen des Gewaltverzichts.

Und was würde Noah mit seiner Erfahrung auf die Frage antworten, wo Gott denn war bei den Kern-schmelzen von Tschernobyl und Fokushima, wo Gott war bei den Tsunamis? Ich glaube, Noah würde antworten, in dieser realen Welt wie sie ist, geschehen auch Unglücke und Naturkatastrophen ohne Gottes Absicht – einfach, weil sich Erdplatten verschieben, Vulkane ausbrechen usw. Für manche Ka-tastrophen sind wir Menschen selbst verantwortlich. Es sind keine Strafen Gottes. Gott hat sich an sei-nen Bund gebunden. Aber wir können in unserer Ebenbildlichkeit als Gegenüber Gottes nicht Gott für alles verantwortlich machen. Gottes Ebenbilder zu sein bedeutet, dass wir als Stellvertreter Gottes einen Schöpfungsauftrag zum Bewahren der Erde verliehen bekommen haben. Ein Stellvertreter-Amt, in dem wir alle Gott gegenüber verantwortlich sind. Das Vorbild Jesu zeigt uns, dass unser Platz an der Seite der Opfer ist – so wie Gottes Platz in Jesus an der Seite der Leidenden ist.

Daß die Menschen einmal die technische Fähigkeit entwickeln würden, selbst zu tun, was Gott nie wie-der zu tun zugesagt hatte, die Erde mit allem, was darauf lebt, zu zerstören, und ob sie die Erde so sehr gering schätzen könnten, das zu tun, war zur Zeit, als die Noah-Geschichte aufgeschrieben wurde, nicht im Blick. Noah hätte es tiefe Sorgenfalten ins Gesicht gefurcht. Denn er selber war in seinem Schöp-fungs-Bewahrungsamt Weinbauer geworden, nicht an der Ahr, aber am Fuße des Berges Ararat. – Vielleicht aber wäre Noah heute noch einmal aktiv geworden, als Kapitän, nicht auf einer Arche, son-dern auf dem Regenbogenschiff, der „Rainbow Warrior“ von Greenpeace. Aber das ist vielleicht doch mehr private Phantasie. Vielleicht. AMEN
Frank Ungerathen

Geschrieben von Ulrike Knichwitz am 21. April 2011

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