Pfingstpredigt 2011 in der Arche

Liebe Gemeinde, wir haben Christi Himmelfahrt hinter uns, gefeiert in alter Tradition im freien an der Tomburg. Im Bild der Himmelfahrt steckt eine Abschieds- Botschaft, auf die Jesus seine Jünger mit unserem Predigttext vorbereiten will, dass Jesus bald nicht mehr da sein wird und seine Jünger allein zurücklassen wird.

Es sind immer tiefgreifende Entwicklungsaufgaben, die Abschiede uns zumuten, freiwillige Abschiede ebenso wie unfreiwillige, traurige, verletzende Abschiede. So ist es auch mit dem Himmelfahrtsgeschehen: Jesus – das Wunder, die Nähe, die Offenbarungszeit lässt sich nicht halten. Wir möchten immer gerne halten, festhalten, haben. Aber wir sollen sein, nicht haben. Wir müssen ihn loslassen, ihn verlieren, damit er in uns wirksam wird – damit es in uns wirksam wird, wofür er steht, was er bedeutet und beinhaltet. Das soll in uns sein, nicht draußen, nicht in seiner Person, nicht hinausprojizierbar und an ihn delegierbar, sondern in uns soll es wahr und wirklich werden. Himmelfahrt ist ein Reifetag, ein Tag des Eintritts in eine völlig neue Phase: „Jetzt müsst ihr mich vertreten, sagt Jesus. Ihr werdet meine Zeugen sein. Ihr werdet gehen bis an das Ende der Erde.“ Und dazu „werdet ihr die Kraft des Heiligen Geistes empfangen“ Das macht uns mündig und erwachsen. Wenn es gut läuft, können dieses Loslassen, dieser Abschied, dieses äußere Verlassenwerden dazu führen, dass diese Wirklichkeit in uns entsteht, wächst und uns stark macht, Dann sind wir nicht verlassen, sondern verwandelt.

Jesus sagt: „ Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wen ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.“

Man könnte es auch mit dem notwendigen Abschied von den Eltern vergleichen. Wir müssen sie verlassen, um in unser eigenes Leben zu kommen. Wir müssen den Abschied vollziehen und durchleben, um dadurch und dabei wir selbst zu werden, selb-ständig, selbst-bewusst, voll Selbst-Vertrauen und Selbst-Wert-Gefühl. Ohne das Verlassen, ohne den Abschied bleiben wir abhängig. Der Preis für Identität und Selbsterstarkung, Selbstsicherheit und Ichstärke sind die vielen Abschiede. Alle Entwicklungen geschehen durch Abschied und Neubeginn. Schon unsere Geburt kündigt das an und auch die Natur zeigt es uns jedes Jahr wieder. Alte Blätter fallen und machen neuen Knospen Platz.

Im Weg Jesu mit seinen Jüngern von Himmelfahrt nach Pfingsten zeichnet sich so ein tief innerlicher spiritueller Weg ab, den der Mensch auf dem Weg in die Freiheit auch geht oder gehen muss. Man muss alles Äußere mit Jesus loslassen um es dann innerlich zu gewinnen!

So hatte Himmelfahrt mit einem Versprechen geendet: dass eine neue Kraft über die Menschen komme, dass Jesus selbst und Gott „Wohnung bei uns machen“ wollten, dass die Geisteskraft Gottes, die Kraft der Liebe und des Lebens schlechthin in uns hineinstrahle. Ein Thema, dem wir auch beim Weihnachtsfest und beim Nachdenken übers Abendmahl begegnen. Aber an Pfingsten tritt es ins Zentrum: die „Erfüllung“, Erfüllung mit dem „Geist“, mit Lebensgeist und Lebenskraft, mit „Kraft aus der Höhe“. Es ist die Einlösung des Versprechens, das Jesus beim Abschied gab.

Und: Dieses Fest liegt jahreszeitlich nahe beim Höhepunkt des Lichtes – dem Sommeranfang. Und doch ist für viele nur schwer zu greifen, was an Lebenskraft, Lebenshilfe in diesem Fest steckt. Denn das in unserer Kultur und Sprache gebrauchte „Geist“ für die im Ursinn gemeinte Dynamik und Kraft lässt uns eher an Vernunft und Verstand denken – geistvoll und geistreich, den „Geist anstrengen“ usw. das ist doch etwas irritierend und lenkt uns von der Urbedeutung ab.
Was könnte Pfingsten denn für uns in seinem eigentlichen Sinn bedeuten?

1. Zunächst einmal verwandelt das Pfingstgeschehen Traurige Jüngerinnen und Jünger in Be-geist-erte. Die Jüngerinnen und Jünger werden erfüllt von der Geistkraft.
Da werden sie begeistert, Feuer und Flamme, sie entdecken in sich Mut, Zeugnis von ihrem Glauben abzulegen und ihr eigenes Leben erhält einen neuen Inhalt. Eine neue Füllung sozusagen, die wir im Gnadenzuspruch aus dem Römerbrief so hörten: „ Die Liebe Gottes ist in unsere Herzen gegossen durch die heilige Geistkraft, die uns geschenkt ist.“ (Römer 5, 5) Die heilige Geistkraft ist also geschenkt und durch keine fromme Leistung erworben. Die heilige Geistkraft lässt uns die Liebe Gottes in unseren Herzen erleben und damit die Gewissheit erfahren: Ich bin von Gott geliebt und angenommen. Diese Liebe Gottes in unseren Herzen, durch die heilige Geistkraft bewirkt, schenkt uns Geborgenheit in Gott, ein Vertrauen in Gott als Gegenüber und die Gewissheit in Gott als den Urgrund allen Lebens gehalten zu sein. Die Heilige Geisteskraft Gottes macht uns zugleich fähig, uns selbst und auch die anderen zu lieben.

2. In der Pfingsterzählung ist zunächst von einer Winderscheinung, von etwas wie einem Sturm bei einer Versammlung ist die Rede. Und das Urwort für „Geist“ – hebräisch ´ruach´ heißt auf Deutsch selber genau so: Wind, Hauch, Atem – so ist der „Geist Gottes“: Das Lebensprinzip, die Lebenskraft, die wie Luft überall ist, nur spürbar im Wind und im eigenen Atem – so ist der „Geist Gottes“ um uns herum, „wohnt“ in uns im Atem. „In ihr – Geisteskraft Gottes – leben, weben, sind wir“, sagt Paulus. Heilige Geisteskraft lässt uns staunend Gottes Schöpfung wahrnehmen, es wächst die Freude am Leben in Gottes Schöpfung.

Unser Atem ist sozusagen unser kleiner Teil am großen Atem Gottes, der kleine Wind, den wir machen, als Teil des „großen Windes“ Gottes, der die Luft und die Welt in Bewegung hält.
Das zweite, was uns Pfingsten neu deutlich werden könnte, wenn wir mit der Geisteskraft Gottes, als Hauch, Wind, Atem in Berührung kommen, so kommen wir doch mit der zärtlichen Seite Gottes in Berührung. Gottes Zärtlichkeit begegnet uns!

3. Und noch eine Überraschung steckt im hebräischen Wort: Der „Heilige Geist“ ist in seiner Ursprache ein weibliches Wort, ein feminines Wort, das wir nur im Deutschen männlich übersetzen.
Doch das ist wichtig, denn in unserem traditionellen Gottesbild trägt Gott allzu oft nur männliche Züge, manchmal sehr strenge fordernde oder gar überfordernde und weithin fehlen die weichen, gütigen, liebevollen und zärtlichen, so genannten „weiblichen“ Aspekte. So wurde Gott oftmals einseitig-männlich gesehen und verkündet – eine folgenschwere Einengung für die Seelen und den Glauben vieler Menschen.

Diese weibliche Seite in Gott, wie wir sie nennen könnten, ist in uns eine Quelle der Kreativität – zunächst im ganz ursprünglichen Sinne: diese Wachstums, Reifungs- und Lebenskraft bringt Früchte – Paulus zählt auf „Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Innenherrschaft“ (Gal 5,22).

Stellen wir uns einmal vor: Jeder Augenblick der Freundlichkeit und Liebe: eine Frucht der Geistesgegenwart Gottes, die in uns wohnt. Jeder Augenblick der Freundlichkeit und der Liebe: eine Frucht dieses Geistes, der in uns Raum haben möchte! Hier lernen wir, welche Kraft gemeint ist: nicht eine beengende, zwingende, argwöhnisch kontrollierenden, uns entfremdend dominierende, wie es so oft in christlicher Erziehung war, sondern sie vermittelt uns die Freiheit der Kinder Gottes.

Aber die Leben schaffende Wirkung der Heiligen Geisteskraft, ihre Fruchtbarkeit meint auch noch mehr: die Offenheit, sich vom Geist Gottes begeistern und bewegen zu lassen zu neuen Wegen – kreative Ideen, schöpferische Einfälle, be-geist-ernde Gedanken – wenn wir inspiriert sind, dann befinden wir uns im Wirkungsbereich und Kraftfeld dieses Schöpfergeistes. Und wenn es „fließt“, wenn es gut läuft, zwischen uns in der Atmosphäre, zwischen Menschen, auch dann ist dieser fruchtbarmachende kommunikative schöpferische Geist am Wirken.

Wer Zugang findet zu dem Reich in-wendig in uns (Lukas 17,21), der hat sozusagen in der Symbolik der Feste gesprochen Himmelfahrt durchlebt und Pfingsten erlebt. Erfüllung durch die Geistkraft Gottes. Das heißt: Neu an der Botschaft Jesu ist, dass jede und jeder direkten Zugang zur Quelle von Licht und Leben, von Lebendigkeit und allem, wovon der Mensch lebt, hat.
Vers 13: „Was er (die Heilige Geisteskraft/ der Tröster) hören wird, das wird er reden, und was zukünftug ist, wird er euch verkündigen“.

Gottes Geisteskraft sensibilisiert, die Welt in ihrem fortschreitenden Prozessen mit Gottes Augen wahrzunehmen und inspiriert, das Werk Jesu fortzusetzen in den neuen Herausforderungen, die uns bewegen, und uns darin für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen.

Ein Beispiel dafür ist einer der modernen Mystiker, von 1953 bis zu seinem tragischen ungeklärten Tod der zweite UN-Generalsekretär, Dag Hammerskjöld, der seine Friedens- und Versöhnungsarbeit aus seinem christlichen Glauben heraus gestaltete – der seine Erfahrung mit der Geisteskraft Gottes 1954 einmal in diesem Gebet ausgedrückt hat:

Dag Hammerskjöld:
Du, der über uns ist,
Du, der einer von uns ist,
Du, der ist –
Auch in uns;
Dass alle dich sehen – auch in mir,
dass ich den Weg bereite für dich,
dass ich danke für alles, was mir widerfuhr.
Dass ich dabei nicht vergesse der anderen Not.
Behalte mich in deiner Liebe,
so wie du willst, dass andere bleiben in der meinen.
Möchte sich alles in diesem meinem Wesen zu deiner Ehre wenden,
und möchte ich nie verzweifeln.
Denn ich bin unter deiner Hand,
denn alle Kraft und Güte sind in dir.
Gib mir einen reinen Sinn – dass ich dich erblicke,
einen demütigen Sinn – dass ich dich höre,
einen liebenden Sinn – dass ich dir diene,
einen gläubigen Sinn – dass ich in dir bleibe.

AMEN

Geschrieben von Ulrike Knichwitz am 06. Juli 2011

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