Autorenlesung in der Arche

Am Dienstag, den 8.Mai war die Journalistin Sabine Bode in der Arche zu Gast, um aus ihrem 2004 erstmals erschienen Buch „Die vergessene Generation – Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ zu lesen und mit den Zuhörern ins Gespräch zu kommen.
Ausgangspunkt zu ihren Recherchen war das Leid der bosnischen Kinder in den 90er Jahren. Die Frage lautete: Wie geht es den deutschen Kriegskindern von damals eigentlich heute? Wo immer sich eine Gelegenheit ergab, versuchte Frau Bode mit Angehörigen der Geburtsjahrgänge von 1930 bis 1945 ins Gespräch zu kommen. Oft lauteten die Antworten: „Andere hatten es doch viel schlimmer als wir“ oder „Es hat uns nicht geschadet.“ Ein Erziehungsratgeber aus dem Jahr 1951 mag stellvertretend für eine verbreitete damalige Auffassung dienen: Der Ratgeber zeigte auf, wie selbständig insbesondere jene älteren Kinder geworden waren, die auf dem Treck Verantwortung für jüngere Geschwister übernehmen mussten.
In vielen Flüchtlingsfamilien machten Kinder die Erfahrung, dass andere Familien teilweise andere Dinge oder einfach mehr besaßen, abhängig davon, wie viele und wie hohe Verluste die Familien während des Bombenkrieges und der Flucht hatten hinnehmen müssen. Nach dem Krieg, als darum ging, wieder ein geordnetes Leben aufzubauen, half der Satz: „Vergiss alles, sei froh, dass du lebst, schau nach vorn.“ Eltern waren oftmals froh, wenn die Kinder gute Noten nach Hause brachten und auch wieder fröhlich lachen konnten. Diese gefühlte Normalität war dennoch von den Erfahrungen des Krieges und seiner Folgen geprägt. Wenn jedoch sehr viele Menschen eine derartige Prägung erfahren haben, dann nimmt der Einzelne nicht so leicht wahr, dass diese Prägung nicht der Normalität entspricht.
Eine große Gruppe von Menschen, die in ihrer Kindheit schlimme Erfahrungen gemacht haben, wurden sich dessen nicht bewusst, weil es keine Vergleichsmöglichkeiten gab. Aus der Trauma-Forschung weiß man, dass traumatisierende Erfahrungen über Jahrzehnte verdrängt werden können, aber in schwierigen Situationen u.U. reaktiviert werden. Häufig zeigen sich dann psychosomatische Symptome.
Es gibt in Deutschland wohl keine Familie, in der die NS-Zeit und der Krieg keine Spuren hinterlassen haben. Stellvertretend für andere Gesprächspartner zitierte Frau Bode eine Frau, die Ende des Krieges acht Jahre alt war und den Bombenkrieg auf ihre Heimatstadt als Kind mehr als einmal in lebensbedrohlichen Situationen überstanden hatte. Als die Erwachsenen ihr eines Tages erzählten, der Krieg sei nun zu Ende, endlich könnten sie wieder ohne Angst und Bomben leben, da stand für dieses Mädchen die Frage im Raum: „Wie kann ich leben, wenn kein Krieg mehr ist? Ich habe gelernt zu überleben, aber leben habe ich nicht gelernt.“

Bericht: Irmela Richter

Geschrieben von Ulrike Knichwitz am 14. Mai 2012

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