Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten

Am 29. Juli 2012, dem 8. Sonntag nach Trinitatis, hat Prädikantin Irmela Richter in ihrer Predigt darüber nachgedacht, wie wir als „Kinder des Lichts“ (Eph 5,8) in der Nachfolge Christi leben können.

Liebe Gemeinde,

es gibt Texte in der Bibel, die könnten kaum aktueller in unsere Zeit hinein geschrieben sein. Zu dieser Kategorie zähle ich den heutigen Predigttext.

Allerdings muss ich auch feststellen, dass diejenigen, die sonntags in unsere Gottesdienste kommen, nicht unbedingt zu jenen Menschen gehören, die ich auf den ersten Blick damit ansprechen würde. Die 2000 Jahre alten Ermahnungen passen durchaus zu unserer Gesellschaft, aber so verbreitet sind die Missstände bei uns wohl nicht, wie sie Paulus damals in Korinth wahrgenommen hat. Ich lese aus dem 6. Kapitel des 1. Korintherbriefes:

9Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder,
10Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.
11Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.
12Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.
13Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichtemachen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe.
14Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft.
18Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe.
19Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?
20Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.

Soweit die Mahnworte, die Paulus vor fast 2000 Jahren an die Korinther geschrieben hat.

Worum geht es?
Offensichtlich sind etliche Korinther der Meinung, dass sie mit ihrem Bekenntnis zum christlichen Glauben ein selbstverständliches Anrecht auf einen Platz im Reich Gottes erworben haben. Offenbar meinen sie, dass die Taufe nicht nur rückwirkend, sondern auch für alle Zukunft ihre Sünden von ihnen abgewaschen hat. Nur so ist diese „Alles ist mir erlaubt“-Haltung zu verstehen, die in Korinth um sich gegriffen hat. Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer, Räuber, Götzendiener, Unzüchtige, Ehebrecher, Lustknaben oder Knabenschänder – das ist eine beachtliche Aufzählung von Verhaltensweisen, die in Korinth offenbar vorkamen. Besonders warnt Paulus vor dem Umgang mit Prostituierten und allzu freizügigen sexuellen Beziehungen.

Es ist doch interessant, dass die Menschen zwar einen großen wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt gemacht haben, ihr Verhalten, ihre Lebensfragen und ihr Umgang untereinander sich seit biblischer Zeit jedoch nur wenig verändert haben.

„Alles ist mir erlaubt!“ – Diesen Satz kann man so oder ähnlich heute auch noch hören. Auch im Bereich unserer Sexualität. Private Fernsehsender machen öffentlich, wie Menschen ihr Intimleben gestalten. Die Worte des Paulus scheinen genau darauf zu zielen. Wenn nun statt des Warnhinweises „diese Sendung ist für Zuschauer unter 16 Jahren nicht geeignet“ plötzlich Paulus auftreten würde – welche Wirkung könnte er heute mit seinen Ermahnungen erzielen? Wie würde man auf ihn reagieren? Wie würde er benannt werden? Spielverderber, Ewig-Gestriger, verklemmter Typ? Vielleicht würde er die Menschen mit seinem Charisma und seiner von Gott herkommenden Autorität aber auch erreichen und beeindrucken.

Ja, ich kann mir vorstellen, dass Paulus viele Erscheinungen in unserer Gesellschaft ähnlich kritisieren würde, wie er es im Brief an die Korinther getan hat. Aber wenn ich mich hier in unserer Gemeinde umschaue, kann ich mir nicht vorstellen, dass Diebe, Räuber, Trunkenbolde oder gar Kinderschänder unter uns sitzen.

Dürfen wir dann also den Schluss ziehen, dass dieser Predigttext eigentlich nicht an uns, sondern an die anderen gerichtet ist?

Das wäre sicherlich bequem, – aber doch zu oberflächlich.

Der Schlüssel liegt in der Fortsetzung der „Alles ist mir erlaubt“- Sätze, in dem großen „Aber“:
Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten.
Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.

Gott hat dem Menschen eine große Freiheit gegeben, mit der der Mensch allerdings verantwortlich umgehen muss. Bereits am Anfang der Bibel in der Schöpfungsgeschichte, wird das deutlich:
16Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, 17aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben. (Gen 2, 16+17)

Wohlschmeckend sind die Früchte im Garten Eden. Aber zwei zentral gelegene Bäume sind absolut tabu. Die Bäume mit ihren verbotenen, aber verlockenden Früchten stehen zentral und frei zugänglich in der Mitte des Gartens. Sie sind nicht durch einen Zaun o.ä. geschützt. Der Mensch ist also frei zu entscheiden, ob er sich an die göttliche Weisung hält oder nicht. Aber wenn er sich dagegen entscheidet und von den Früchten nimmt, dann wird das Folgen haben, die nicht gut sind für den Menschen. Der Mensch weiß das. Eva und Adam lassen sich von der Schlange verführen. Die Folgen betreffen auch uns noch.

Alles ist mir erlaubt – oder wie unser Sohn sich ausdrückte: „Ich darf das, ich bin in der Pubertät.“
Nach den eigenen Ideen und Wünschen zu schalten und zu walten, sich nichts mehr vorschreiben zu lassen, frei sein – viele Jugendliche genießen es, wenn sie endlich volljährig sind und selbständig und möglicherweise gegen den elterlichen Rat für sich entscheiden können. Die damit verbundene Verantwortung sich selbst und auch anderen gegenüber wird dabei leicht übersehen.

Alles ist mir erlaubt – aber es soll mich nichts gefangen nehmen.
Selbstverständlich darf ich täglich Alkohol trinken, solange ich das bezahlen kann. Wenn mein Körper aber darauf mit Abhängigkeit reagiert und die Gesundheit oder andere Menschen Schaden nehmen, dann nimmt mich der Alkohol gefangen.

Selbstverständlich darf ich essen sooft und so viel ich will. In einem XXL-Restaurant (in dem es auch normale Portionen gab) habe ich gesehen, wie ein riesiger Hamburger serviert wurde mit dem Durchmesser einer großen Torte. Das Essen kann zum Zwang werden und krank machen. Dann bin ich Gefangene einer Ess-Sucht und schade mir damit körperlich und seelisch.

Selbstverständlich kann ich mich über andere lustig machen oder hinter ihrem Rücken deutliche Kritik üben. Im Kreis von Gleichgesinnten kann das sogar richtig Spaß machen. Langfristig jedoch wird dieses Verhalten meinen zwischenmenschlichen Kontakten schaden. Mobbing am Arbeitsplatz kann sogar den Erfolg des gesamten Betriebes gefährden. Das dient niemandem zum Guten.
„Alles ist erlaubt, was gefällt“ und „ich kann tun und lassen, was ich will, solange niemand daran Schaden nimmt“. Ich kann mit diesem Motto ein absolut redliches Leben führen.
Es ist meine freie Entscheidung, ob ich meine Lebensführung an humanistischen Maßstäben orientiere oder ob ich erkennbar ein Leben als gläubiger Christ führe.

Ich denke allerdings, dass mir persönlich etwas fehlen würde, wenn ich allein aus humanistischen Gründen heraus denken und handeln würde. Ich wäre wie eine leere Hülle, auf der Suche nach Erfüllung und Sinn. Mir würde fehlen, was mein Leben hell macht.

Paulus sagt, dass der Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in uns wohnt und den wir von Gott haben. Ist das nicht ein schönes Bild? Der Heilige Geist braucht keine kostbaren Gotteshäuser, er wohnt in uns. Es liegt an uns, ob wir es zulassen, dass er unser Leben erfüllt oder nicht.

Eine Freundin hat mir die folgende kleine Geschichte erzählt: Es gibt in jedem von uns eine versteckte Tür. Wenn du diese Tür findest und öffnest, dann kannst du entdecken, dass dort jemand sitzt: Jesus Christus wohnt in dir. Was wirst du tun? Wirst du diese Tür schnell wieder schließen oder lässt du sie weit offen, damit Jesus Christus dich ganz erfüllen kann?

Gott hat sich für uns entschieden. Es steht uns frei, Ihm die Tür zu öffnen und Ihn zum Licht unseres Lebens zu machen. Amen.

Geschrieben von Ulrike Knichwitz am 01. August 2012

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