Von Hiobsbotschaften ereilt

Job_ScrollAm 11. November predigte Pfarrer Ungerathen in der Christuskirche über die Bewältigung von Lebenskrisen anhand der Geschichte von Hiob:

Liebe Gemeinde,
Das Thema dieses Sonntages ist die Vergänglichkeit und Brüchigkeit des Lebens und wie wir mit Schicksalsschlägen umgehen können, die unser bisheriges Vertrauen ins Leben und Glauben an Gott in die Krise kommt, wenn uns unser Weltbild und Selbstbild nicht mehr trägt.

– Textlesung Hiob 14,1-6–
1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,
2 geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.
3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.
4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!
5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Dieser Aufschrei Hiobs geht einem unter die Haut: Gott, schau weg von ihm! Gott, lass ab von ihm!“ – Hiob meint Gott persönlich damit: „Gott. Bleib mir vom Leib! Gott. Sieh mich nicht mehr an! Gott. Hau ab von mir!” –
Das ist nicht der Satz eines von religiösen Fragen unberührten Menschen, der keine frommen Ge-schichten mehr hören kann:
Hiob ist kein von Fragen des Glaubens unberührter Zeitgenosse. Hiob ist ein frommer und gottesfürch-tiger Mann.
Er ist einer, von dem Gott am Anfang des Buches Hiob das Zeugnis gibt „weit und breit ist kein Mensch wie Hiob, fromm und gottesfürchtig” – Und der nun schreit Gott an: „Guck mich nicht mehr an – Laß mich allein, damit ich endlich meine Ruhe habe!”

Was ist geschehen? Hiob war ein reicher Mann. Hiob war ein glücklicher Mann. Er hatte Geld, hatte Herden, hatte Kinder. Und dann kommt es: Schlag auf Schlag, knüppeldick: die Herden werden ge-raubt, die Kinder werden bei einem Fest in einem Orkan erschlagen – sein ganzer Reichtum ist hin. Eine Hiobsbotschaft nach der anderen trifft ein. Und dann ist er selbst an der Reihe: Er wird krank, so schwer krank, daß er weg muß aus der Gemeinschaft – Aussatz/Lepra! Er ist nur noch ein Bild des Elends: Ein reich gewesener Mann sitzt auf einem Müllhaufen, schabt sich seine Geschwüre mit einer Scherbe auf, weil er das Jucken nicht mehr erträgt. – Ja, wie prächtig war es um Hiob bestellt, und wie verkümmert ist nun alles! Zusammengebrochen ist die ganze Schönheit, zertreten, ausgedient wie eine verwelkte Blüte …und störend. Auch für seine Freunde ist alles verstörend und unfassbar, sie nehmen Anteil an seiner verzweifelten Lage und wollen ihn wieder aufrichten.

Aber Hiob hat die Nase voll von seinen Freunden, die zwar lange bei ihm in seinen Schicksalsschlägen ausgehalten haben, aber von denen er jetzt kein Verständnis und keine Hilfe mehr erwarten kann. Sie leben gesichert, für sie ist die Welt in Ordnung und gut geordnet. Unglück kann für sie nur die Folge von Versagen sein. Ihre Welt muss in Ordnung bleiben.

Daß sie ihm mit ihrer Sicherheit Gewalt antun, merken sie gar nicht. Daß Sie damit auch Gott ver-einnahmen und in ihre Gewalt bringen – auf diese Idee kommen sie gar nicht. Z.B. wenn sie mit ihren Erklärungen über Gottes richtiges Handeln seinen furchtbaren Schicksalsschlägen einen guten Sinn geben wollen, etwa daß Gott Hiob wohl für seine Jugendsünden ins Gericht zieht, und dass er im Ge-horsam gegen Gott das jetzt als Strafe annehmen müsse und Buße tun müsse!

All das kann Hiob nur immer wieder aufs Neue kränken. Hiob erklärt das alles für „Sprüche für den Schutthau¬fen” – „Müll”! –

Hiob wendet sich nun von seinen Freunden ab. – Hiob schreit jetzt Gott an!

„Was hast Du, Gott, getan, dass ein Mensch leidet und sich ruiniert. – Warum müssen selbst Kinder und Unschuldige leiden? Hast Du das nötig, Gott? Brauchst Du das, Gott?
Ist es nicht unerträglich, daß der Ungerechte auf Gottes Erden erfolgsgesegnet und besser lebt als so viele Gerechte?!“
Diese quälende Frage Hiobs steigert sich zum Protest, der im Laufe des Hiobbuches um so heftiger wird, je mehr sein Leiden zunimmt!
Hiobs hält daran fest, dass sein Gott kein strafender Gott ist, und er sein Schicksal also nicht klaglos tragen müsse – sein Weg ein anderer: Hiob steht auf und streitet mit seinem Gott – er protestiert – er klagt laut.

Hiob will sich die Verheißungen, die Gott ihm selbst gegeben hat, nicht aus der Hand nehmen lassen.
Er geht Gott auf die Nerven, fordert ein, was er von Gott verstanden hat, er beharrt darauf, daß er ein Recht dazu hat!

Liebe Gemeinde, in der biblischen Erzählung weicht Gott Hiob zunächst aus und beantwortet seine bohrenden Fragen nicht. Am Ende des Buches werden die Freunde Hiobs aber dafür geschol-ten, daß sie im Versuch, Gott oder Gottes Gerechtigkeit zu verteidigen, Hiob in seinem Leiden im Stich gelassen und seine Leiden kleingeredet haben.
Es gab für sie gar keinen Grund, Anwalt für Gott gegen Hiobs Anklagen zu spielen. Sie durften sich nicht zu Gott und über ihren Freund Hiob stellen mit ihren Erklärungsversuchen.

Hiob bekommt am Ende des Buches Recht darin, daß er sich an Gott und gegen Gott gewandt hatte. Hiob wird am Ende des Buches ruhiger und leiser und nimmt sein Schicksal an und erhält darin die Kraft durch seine Leiden durchzugehen. Hiob wird dann schließlich wiederhergestellt, wird wieder gesund, und sein Leben erhält wieder eine gute Wendung mit einem langen Le¬ben danach. Das Schicksal, der „Fall Hiob” wird gelöst, nicht aber das „Hiobproblem” für unzählige Menschen danach. Dies wird auch von vielen tief glaubenden Vorbildern in der Glaubensgeschichte unserer Kirche berichtet, die ihre eigenen „dunklen Nächte der Seele schildern“.
Es kann Phasen in einem Leben geben- da schwankt der Boden, da verliert man den Halt, da können wir Gottes Handeln nicht erfassen. Da stimmen die Vorstellungen von Gott für uns nicht mehr, mit denen wir aufgewachsen sind. In existentiellen Krisen erleben wir Gottes Nähe nicht mehr so, wie wir es für uns bisher gelernt haben. Was uns Halt gegeben hat, hält vielleicht nicht mehr, der Blick in menschliche Abgründe, eigene oder fremde, ist schwer auszuhalten. Und es gibt auch die Spannung zwischen dem liebenden Gott, der uns in Jesus Christus offenbar geworden ist und dem verborgenen Gott in der Welt des Leides. Und die ist schwer auszuhalten. –

Wie können wir mit unseren existentiellen Kri¬sen umgehen? Hiobs hält daran fest, dass sein Gott kein strafender Gott sein kann, also ist sein Weg ein anderer: Hiob steht auf und streitet mit seinem Gott – er protestiert – er klagt laut.
Hiob will sich die Verheißungen, die Gott ihm selbst gegeben hat, nicht aus der Hand nehmen lassen. Er geht Gott auf die Nerven, fordert ein, was er von Gott verstanden hat, er beharrt darauf, daß er ein Recht dazu hat! Ebenso haben wir es gehört im Evangelium im Gleichnis von der bittenden Witwe, das Jesus erzählt und darin Mut macht, sich unermüdlich an den liebenden Gott zu wenden und nicht aufzuhören von ihm zu bitten (Lukas 18,1-8).
Und er macht damit allen Mut, Gottes angeblich so „unerforschliches Walten“ nicht einfach hinzunehmen, sondern bei Gott einzutreten für das eigene oder für fremdes Leben, das können wir von Hiob lernen. Es gibt auch so etwas wie einen heiligen Ungehorsam!
Danach kommt für Hiob die Zeit, in der er ruhiger wird, sein Schicksal annimmt und er erhält die Kraft durch seine Leiden durchzugehen.
Martin Luther hat in solchen Situationen gesagt, wir müßten fliehen weg von dem verborgenen Gott hin zu dem Gott, der sich uns in Jesus Christus neu gezeigt hat. Und diesen Jesus kennen wir so, dass er im Leiden und bei den Leidenden da ist und mit ihnen aushält.
Ich möchte schließen mit einem Gedicht von Sabine Naegeli:

Ich wünsche dir,
daß du beweinen kannst,
was du entbehrt und verloren hast,
ohne in der Trauer
Wurzel zu schlagen.

Ich wünsche dir,
daß du Zorn fühlen kannst auf das,
was Menschen dir angetan haben,
ohne im Unversöhnlichen
zu erstarren.

Heilender Friede wachse dir zu,
daß Vergangenes dich nicht mehr quäle
und böse Erinnerung dir nicht mehr
zur Fessel werde.

Zuversicht ziehe ein,
wo die Ohnmacht haust,
daß du aufstehst,
dein Leben zu wagen.
(S. Naegeli)

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Geschrieben von Ulrike Knichwitz am 29. November 2012

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