60 Jahre LEBENSHILFE BONN – Inklusion im Theater: Romeo und Julia am 12.11.2019 um 19.00 Uhr im GOP Bonn

Im Bonn laufen die Proben für die Tragödie von William Shakespeare auf
vollen Touren. Das Besondere an dem Theaterstück: Die Darsteller des
weltberühmten Liebespaars haben beide das Downsyndrom.
Julia möchte nicht mehr leben. Mit bebender Stimme hält die zierliche Frau den
schwarzen Dolch an ihren Hals und schreit ihre Wut und Verzweiflung immer wieder
heraus. „Ich will sterben,“ brüllt sie leidenschaftlich. Romeo schaut seiner großen Liebe
mit einer Mischung aus Bewunderung und Stolz zu.
Romeo und Julia heißen im wahren Leben Hendrik und Antonia, sind 20 und 18 Jahre
alt. Für Hendrik ist es bereits das vierte Theaterstück, für Antonia das zweite. Beide
haben Trisomie 21. Und spielen mit einer Begeisterung, die auf das gesamte LaienEnsemble mit und ohne Behinderung überschwappt.
Das Ensemble muss liefern, ob mit oder ohne Downsyndrom
Die Regisseurin geht immer wieder energisch dazwischen, gibt den Darstellern Tipps und
mahnt ihre Hauptdarstellerin, sich zu konzentrieren. „Wir arbeiten sehr hart auf die
Premiere vor 400 Leuten hin. Und das muss laufen, da müssen wir liefern,“ sagt
Katharina Weishaupt. Soll heißen: Für Hendrik und Antonia gelten die gleichen
schauspielerischen Ansprüche wie für den Rest des Ensembles ohne Downsyndrom.
Weishaupt hat sich auf inklusives Theater spezialisiert und in den vergangenen fünf
Jahren den „Froschkönig“, den „Sommernachtstraum“ und „Undine“ auf die Bretter
gebracht. Ihr Ansatz: Sie will Menschen mit Behinderung herausholen aus ihrer Rolle in
der Gesellschaft. „Sie sind ja oft passiv, sie bekommen Hilfe. Wenn behinderte Menschen
aber Theater spielen, stellen sie etwas her, geben etwas, für das die Menschen Geld
bezahlen,“ erläutert Weishaupt.
Flexibel sein und improvisieren
Die Regisseurin hat auch selbst sehr viel von ihren Darstellern mitgenommen, hat
gelernt, flexibler zu sein, sich nicht auf Ideen vom Schreibtisch zu fokussieren, berichtet
sie: „Wenn etwas nicht klappt, weil der Moment oder die Grundstimmung anders ist,
klappt es auf einem anderen Weg.“
Marion Frohn von der Lebenshilfe Bonn (li.) mit Regisseurin Katharina Weishaupt
Dazu gehört auch, dass inklusives Theater viel mehr Textarbeit erfordert. Komplizierte
Texte werden heruntergebrochen auf den Alltag. Aus einem schwierigen Satz werden drei
leichte. Improvisation ist gefragt. Auch bei den Aufführungen, wenn das Publikum
dazwischenruft und die Darsteller blitzschnell darauf reagieren müssen. „Es gibt viele
absurde Situationen und viel Anarchie,“ betont die Regisseurin: „Wir lachen unheimlich
viel zusammen.“
Diskriminierung gehört immer noch zum Alltag
Auch Marion Frohn bricht bei den Proben oft in Lachen aus. Sie koordiniert das
Theaterstück und arbeitet haupt- und ehrenamtlich bei der Lebenshilfe in Bonn. Als
Elterninitiative gestartet, unterstützt der Verein seit 60 Jahren Menschen mit geistiger
Behinderung von frühester Kindheit bis ins hohe Alter.
Heute gehören neben inklusiven Theaterstücken die Betreuung in Wohngruppen oder
Kindertagesstätten dazu, Tanzkurse oder auch die Übersetzung von Texten in leichte und
einfache Sprache. „Menschen mit Behinderung werden auch heute noch diskriminiert,
Antonia und Hendrik müssen sich immer noch viele gemeine Sachen anhören“, klagt
Frohn: „Aber es hat sich gesellschaftlich in den letzten Jahrzehnten schon einiges getan.“
Kleine Fortschritte im Miteinander
Waren früher im Kindergarten noch die Kinder mit geistiger Behinderung unter sich,
spielen dort heute Kinder mit und ohne Behinderung zusammen. Seit zehn Jahren gibt es
Inklusion an deutschen Schulen. Menschen mit geistiger Behinderung werden nicht
mehr wie früher versteckt.
Hauptdarstellerin Antonia steht Ende Oktober als Julia auf der Bonner Theaterbühne
Deutschland hat sich also entwickelt, aber noch immer gebe es zu wenige
Berührungspunkte wie zum Beispiel die von ihr geleitete Tanzgruppe, erklärt Marion
Frohn: „Ich werde dort in eine andere Welt entführt, in der ich mich umstellen muss und
eine andere Perspektive gewinne. Jeder, der als Nichtbehinderter in diese Welt eintaucht,
ist sofort Feuer und Flamme, weil die Menschen mit Beeinträchtigungen so pur sind.“
Diskussion über Downsyndrom-Bluttest in der Schwangerschaft
In den vergangenen Wochen waren die schätzungsweise 50.000 Menschen mit
Downsyndrom in Deutschland plötzlich sehr präsent. Man diskutierte leidenschaftlich
darüber, ob die Bluttests auf Trisomie von den Krankenkassen übernommen werden
sollen oder nicht.
Der Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, gesetzlichen Kassen und Kliniken
entschied schließlich, dass die Kassen voraussichtlich ab Herbst 2020 den Test bei
Risiko-Schwangeren unter engen Voraussetzungen zahlen sollen.
„Ich bin sehr wütend, weil das ein wenig danach klingt, dass man das steuern möchte“,
kritisiert Frohn, „gerade, weil ich sehr viele Menschen in meinem Bekanntenkreis mit
Downsyndrom habe und es für mich unvorstellbar ist, dass es diese Menschen nicht
gäbe.“ Doch es sei gleichzeitig unheimlich schwer, sich in die Situation einer werdenden
Mutter hineinzuversetzen, die ein Kind mit Behinderung bekommen soll.
Hendrik und Antonia haben große Pläne
Die Probe für „Romeo und Julia“ hat gerade Pause. Hendrik nimmt seine Antonia
beschützend in den Arm. Die Hauptdarsteller des Stücks sind auch privat seit zwei
Jahren ein Paar. So unglücklich wie bei Shakespeare soll ihre Liebe nicht enden, die
beiden planen schon eifrig für ihre gemeinsame Zukunft.
„Wir wohnen ja noch bei unseren Eltern, aber irgendwann wollen wir selbstverständlich
zusammenziehen“, sagt Hendrik, „aber jetzt ist es erst einmal die Aufführung. Und das
wird sehr aufregend!“

Wir freuen uns, wenn Sie Karten bestellen und sich das neue Stück der Theatergruppe ansehen am 12.11.2019 um 19.00 Uhr im GOP Bonn.

Karten für 16,-€ und ermässigt 8,-€ bestellen unter: veranstaltung@lebenshilfe-bonn.de

Bitte nicht vergessen, benötigte barrierefreie Plätze rechtzeitig anzumelden.

 

Geschrieben von Brigitte Penno am 11. Oktober 2019

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