Predigt von Pfr. M. Mölleken am 28.2.2010 – Christuskirche

Predigttext: Römer 5, 1-5:
Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus; durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben wird.

Predigt von Pfr. M. Mölleken am 28.2.2010 – ChristuskircheNicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Liebe Gemeinde!
„Am vergangenen Samstagabend habe ich einen schweren Fehler gemacht, den ich zutiefst bereue!“ Mit diesen Worten beginnt Margot Käßmann am vergangenen Mittwoch um 16.00 Uhr die Pressekonferenz, in der sie den Rücktritt als Ratsvorsitzende der EKD und als Bischöfin von Hannover erklärt.
Autofahren unter Alkoholeinfluss mit 1,54 Promille – das geht nicht – als Bischöfin mit Vorbildfunktion und eindrucksvolle Mahnerin mit ausgeprägtem ethischen Profil – das ist schwierig.
Vieles ist darüber geschrieben und gesagt worden: aufgeregt, enttäuscht, verständnisvoll, bedauernd. Und wir wissen alle: niemand ist unfehlbar!
„Würde dieses Beispiel von Konsequenz wegen eines schwerwiegenden Fehlers Schule machen, so ein Leserbrief im GA, dann wäre bald manches Land ohne Ministerpräsidenten.“ Wie wahr!

Es tut sicher auch gut zu wissen, dass vielen Menschen die theologische Dimension von Schuldvergebung bewusst ist und einer allzu hektischen Vorverurteilung das Jesuszitat entgegengehalten wird: „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein!“

Aber: Schaden ist passiert, und m.E. hat Margot Käßmann in dieser Situation die richtige Entscheidung getroffen, sie hätte tatsächlich nicht mehr die Autorität als Bischöfin, der es in mancher Auseinandersetzung und gesellschaftskritischen Einbringung bedarf.

Eine charismatische Vertreterin protestantischer Kirche tritt zurück – das ist „konsequent, richtig und schade!“ (Komm. des GA vom 25.2.2010!). Das stelle ich mit großem Respekt fest, und diese Haltung der ehemaligen Bischöfin unterstreicht ihre Größe und Glaubwürdigkeit im Umgang mit eigenem Fehlverhalten.

Denn – ob uns das passt oder nicht: Christen werden kritisch wahrgenommen, beobachtet und beurteilt, wenn sie in dieser Welt eine Stimme haben/behalten wollen.
Dabei gibt es zwei Kategorien von Gerechtigkeit – die Gerechtigkeit, die vor und in dieser Welt zählt und angewendet wird (unbarmherzig und aufrechnend!) und die Gerechtigkeit Gottes.

Liebe Gemeinde, was mich aber an der Presseerklärung am meisten berührt und überzeugt hat, war das spürbare Gehaltensein. Margot Käßmann spricht davon, was sie trägt: Ihre vier Töchter, also Menschen ihres persönlichen Umfelds und die Schlussbemerkung: „Du kannst nicht tiefer fallen als in die Hand Gottes. Für diese Glaubensüberzeugung bin ich auch heute dankbar!“

Diese Haltung entspricht geradezu dem Thema des heutigen Predigttextes aus dem Römerbrief – dem Frieden mit Gott!
„Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben,
haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus;…“

Der heutige Sonntag trägt den Namen Reminiscere – Gedenke! (Herr, an deine Barmherzigkeit!) an die „Wohltat Gottes“ für uns Menschen und versteht sich zugleich als ein Werben zur Hoffnung!
Der Zuspruch Paulus an die römische Gemeinde, gleichzeitig auch Überschrift reformatorischen Denkens, lautet: „Christen sind durch den Glauben gerecht und haben daher Frieden mit Gott!“

Vollmundig entfaltet der Apostel, in einer Art Baukastensystems, ein dogmatisches Schema, um die Gemeinde mit dieser Grundlegung noch einmal zuzurüsten:

  • Wir, die Christen sind durch den Glauben gerecht geworden und haben Frieden mit Gott durch Jesus Christus erlangt.
  • Wir haben Anteil an der zukünftigen Hoffnung, die sozusagen unverlierbar ist.
  • Die Konsequenz dieser Rechtfertigung des Menschen vor Gott: es verändert sein Tun. Das Tun des Gerechten erregt:
  • Widerspruch, ist unbequem und anstößig. Folge:
  • Bedrängnis (um des Evangeliums willen)
  • Aber: Bedrängnis bringt Geduld hervor;
  • diese: Bewährung und diese wiederum:
  • Hoffnung.

Die Hoffnung ist das lebenserhaltende Prinzip, in der Liebe Gottes gegründet und durch den Heiligen Geist in uns angelegt.

Pls. mahnt zur Gelassenheit, denn trotz aller menschlicher Machenschaften und Fehler (inkl. der eigenen!) gilt eine höhere Autorität als das menschliche Urteil – gilt die Autorität Gottes, seine Gerechtigkeit, sein Frieden, den ER schenkt. Solange wir unser Hoffen, unsere Existenz an Gott binden, solange ist unsere Hoffnung, unsere Existenz –letztlich- eben nicht bedroht! Durch Glauben sind wir gerecht und haben Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus!

Nun, bleiben wir alle, lb. Gemeinde, Menschen mit Fehlern und fallen immer wieder auch hinter den hohen Anspruch von Verantwortung und Aufgabe zurück.

Wir werden oft uns selbst gegenüber und anderen nicht gerecht. Wir verweigern Lebensmöglichkeiten, nutzen uns und andere aus.

Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wird deutlich – die Kluft zwischen schönen, wohlfeilen Worten, die Nähe und Guttsein suggerieren und dem manchmal erschreckend kalten Umgang miteinander.

Bei aller theologischen Richtigkeit bei der Rede von Vergebung und dem zugesprochenen Frieden Gottes, bleibt aber irgendwie doch auch ein schaler Nachgeschmack. Diese Gnade darf eben nicht „billig“ (Bonhoeffer) werden – so im Sinne des: „Wir sind alle kleine Sünderlein“ (Willy Millowitsch).

Das Evangelium von Jesus Christus ist und bleibt höchst anspruchsvoll, und der Ruf zur Eindeutigkeit und zur Verantwortung gilt! Er wird eben auch nicht durch Fehler (Fehlverhalten) und der dennoch zugesprochenen Vergebung/Neuanfang zurückgenommen oder relativiert. Dann wäre die christliche/kirchliche Wächterfunktion im Sinne einer menschengerechten Gesellschaft ein zahnloser Tiger.

Ebenso richtig ist: Christen, als fehlbare Menschen in einer fehlbaren Welt werden gebraucht mit dieser Botschaft. Die eckt an, ist bisweilen unbequem – sie stiftet zum Nachdenken, bestenfalls zur Umkehr von erkannten, falschen Wegen an!

Pls. spricht von Bedrängnissen, die um des Glaubens willen entstehen – sein Schema bleibt freilich schwierig: Bedrängnis führt zur Geduld, diese zur Bewährung und am Ende steht/bleibt die Hoffnung. Aber so einfach wird es nicht sein, diese „konstruktive Gnadenkette“ wird sich wohl nicht automatisch und immer so ergeben.
Die Folge von Bedrängnis und die permanente Erfahrung von Krisen können genauso auch zur Ungeduld führen und in großer Enttäuschung und im Frust enden.

Hinzu kommt ein Übersetzungsproblem an dieser Stelle im Römerbrief, denn die indikative Übersetzung: „Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott…“ ist schlechter bezeugt als die konjunktive Übersetzung: „ Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, hätten/sollten wir Frieden mit Gott (haben)“.., was zumindest doch andeutet, dass dieser Status von Frieden mit Gott nicht immer und automatisch empfunden wird, selbst wenn Gott uns seinen Frieden so vorbehaltlos anbietet.

Wir sollten Frieden mit Gott haben/finden – bedeutet doch auch immer eine Herausforderung auch an unser Verhalten, erwartet eine möglichst entsprechende Antwort im Umgang miteinander und dieser Welt.
Da bleibt ein Spannungsfeld, manches bleibt auch offen!

So werden wir, lb. Gemeinde, auf ein Neues eingeladen sich auf das Evangelium des Jesus Christus einzulassen, das uns offensichtlich nicht einfach in Ruhe lässt, uns aber auch nicht uns selbst überlässt und preisgibt.

Pls. geht es darum, dass wir nicht aufgeben. Nicht Resignation sondern Vergewisserung in der tragenden Hoffnung des Christus. Sie besteht die Mittelmäßigkeit und Schwierigkeit des Alltags.
Diese tragende und verlässliche Hoffnung lehrt Geduld. Eine Schwierigkeit auszuhalten, anzunehmen – ohne wegzulaufen – schenkt Kraft/Möglichkeiten sich zu stellen, Schwierigkeiten zu meistern – sich zu bewähren.
Und die Erfahrung von Bewährung erschließt tatsächlich Hoffnung – Hoffnung auf einen neuen Weg/Perspektive, der/die sich plötzlich ergibt.

Im Vertrauen darauf wächst möglicherweise aus durchlebtem Leid Geduld, aus Geduld Bewährung und aus Bewährung Hoffnung – eine innere Stärke, die zum „Dennoch“ des Glaubens und zum Tun des Gerechten befähigt.

Liebe Gemeinde, solange wir leben, sind wir unterwegs – wir werden mit unserer Existenz nie fertig und zu Ende kommen.

Aber da uns die Hoffnung des Christus auf diesem Weg entgegenkommt, sind wir nicht als Frustrierte unterwegs sondern als Befreite, die wissen und erfahren haben: „Du kannst nicht tiefer fallen als in die Hand Gottes!“ Gott-sei-Dank!!!

Der Friede Gottes, der höher ist als unser menschliches Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus unserem Herrn. Amen.

Bild: © SXC stock.xchng

Geschrieben von Mathias Mölleken am 28. Februar 2010

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