Brief aus Harare

Auf Umwegen erreichte uns der folgende Brief aus Harare, wo noch lange nichts gut ist

Liebe Freunde und Interessenten/innen an Zimbabwe,
die Tatsache, dass ich lange nichts habe hören lassen, heißt nicht, dass hier nichts geschieht. Auch wenn Zimbabwe aus den Schlagzeilen in Übersee verschwunden ist, so geschieht hinter den Kulissen einiges. Darüber will ich kurz berichten, um Sie/euch auf dem Laufenden zu halten und den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Denn wir sind nach wie vor auf die Verbindung nach draußen angewiesen, ja manchmal sehen wir das als unsere life line.
Es sieht so aus, dass sich im nächsten Jahr die weitere Zukunft des Landes entscheiden wird. Inzwischen ist auch den Optimisten der gemeinsamen Regierung klar geworden, dass Mugabe den Prime Minister nur als Steigbügelhalter benutzt, um selbst an der Macht zu bleiben. Man bedenke, er hatte die Wahl vor zwei Jahren verloren und ist dennoch Präsident und er möchte weiterhin die Entscheidungen treffen, und zwar allein. Der Streit ist nun eskaliert, als Mugabe wiederum Botschafter ohne Konsultation ernannte, darüber auch Governors, Richter etc. Tsvangirai bleibt nichts anderes übrig, als nun massiv dagegen zu protestieren, andernfalls wird er zur bloßen Marionette.
Allerdings haben wir schon einen Vorgeschmack davon bekommen, wie das aussehen kann im kommenden Jahr. Im Constitution Process hat die ZANU mal wieder gezeigt, wer hier der Herr im Hause ist. Die Versammlungen wurden massiv von herbei gekarrten Anhängern gestört, so dass der ganze Prozess nun ins Stocken gekommen und ausgesetzt worden ist. Die ZANU will auf keinen Fall, dass die Macht des Präsidenten eingeschränkt wird. Die ZANU-Frauen haben nun ja auch Mugabe als „President forever“ vorgeschlagen.
Das wäre ja alles nicht so schlimm, wenn die Menschen unten an der Basis nicht so leiden würden.
Wir sehen tagtäglich, dass die Nahrungsmittelversorgung nach wie vor katastrophal ist. Zwar gibt es alles in den Geschäften zu kaufen, aber nur für die, die harte Währung haben – und das sind die wenigsten. Ob wir wollen oder nicht – wir können die Lebensmittelversorgung nicht einfach einstellen, im Gegenteil. Gerade haben wir von HELP wieder zusätzliche Lebensmittel angekündigt bekommen, so dass wir für 250 Menschen food parcels ausgeben können.
Die Probleme sind nicht Folgen einer Naturkatastrophe, sondern von Menschen gemacht. Die Wirtschaftspolitik hat nun mal einen so schlechten Markt zur Folge. Ausländische Investoren bleiben aus, weil 51% des Besitzes in einheimische (schwarze) Hand gehen müssen.
Bis in unsere Gemeinde spüre ich, dass eine Kampagne der Regierung gegen Weiße angelaufen ist. Eines unserer Gemeindeglieder, ein 66-jähriger Rentner, ehemals beschäftigt bei Radio Bremen, wurde im April von der Polizei ohne Gründe inhaftiert. Ich konnte nur insofern eingreifen, als ich sofort unsern Botschafter verständigte, der sofort kam und den Mann wieder aus dem Gefängnis holen konnte.
Wir gehen nun davon aus, dass wir bis Mitte 2011 Wahlen haben werden. Es lässt sich leicht ausrechnen, wie die ZANU vorgehen wird. Ohne Einschüchterung würde sie auf weniger als 15% der Wählerstimmen kommen. Also wird sie wieder mit Einschüchterung und Gewalt eingreifen (was ohnehin nie ganz aufgehört hat). Es kommen immer wieder Menschen zu uns an die Kirche, die von Gewalt in den rural areas nicht nur sprechen, sondern sie auch erlebt und erlitten haben.
Traurig ist, dass die Nachbarstaaten nicht eingreifen werden, auch Jacob Zuma/Südafrika nicht. Wir hatten gehofft, dass er Tsvangirai mehr unterstützen würde, da er wie Tsvangirai aus der Gewerkschaftsbewegung kommt. Aber niemand traut sich hier, dem „alten Mann“ die Meinung zu sagen. Dabei leidet gerade Südafrika unter den Hunderttausenden von Flüchtlingen aus Zimbabwe ; Ende des Jahres sollen die illegalen Einwanderer aus Südafrika zurückgeschickt werden.
Wir stellen uns darauf ein, dass wieder massiv Gewalt ausgeübt wird und dass wir alle Hände voll zu tun haben werden. Dabei sind wir noch mit unserem dritten Programm des BMZ beschäftigt – unter erschwerten Bedingungen. Die Verteilung von Saatgut und Lebensmitteln wird schwer politisiert, auch wenn wir immer wieder erklären, dass wir eine kirchliche Organisation sind und Menschen in Not ohne Rücksicht auf ihre Parteizugehörigkeit unterstützen. Das ist unsere genuine Aufgabe als Gemeinde Jesu Christi.
Die Regierenden haben Angst, dass sie Stimmen verlieren, wenn wir Notleidende unterstützen. Besonders schwierig ist es in der Gegend von Masvingo, einem unserer Schwerpunkte bei der Verteilung. Die Gegend ist ganz in ZANU-Hand. Die Herrschenden regieren dort mit purer Willkür. Wenn einer der Großen dort feiert, kommen die Parteijugendlichen und verlangen von den Einwohnern pro Familie 5 $, ob sie das geben wollen oder nicht. Und dieser Betrag ist für die Menschen dort sehr viel Geld. Der Chef der War Veterans eignet sich fremdes Eigentum nach Belieben an. Selbst unserem Gärtner wurde sein kleines Haus von den War Veterans auseinandergenommen und seine Tiere wurden geschlachtet. Weil er bei uns in Harare lebt, geht man automatisch davon aus, dass er MDC-Anhänger ist. Also muss er geschröpft werden.
Aber es gibt auch Positives zu berichten, vor allem aus der Gemeinde: Vor zwei Wochen konnten wir unser neu erstelltes Gebäude auf dem Kirchengelände mit einer großen Feier der Bestimmung übergeben. Neue Toilettenanlagen mit Duschen sowie ein Meditationsraum geben nun unserer Gemeinde mehr Möglichkeiten, sich zu treffen und Veranstaltungen durchzuführen. Allerdings muss ich auch für unsere Gemeinde feststellen, dass ich immer mehr Familien ausfindig mache, die nicht mehr wissen, wie sie am Monatsende mit ihrem Geld auskommen. Die Ausgaben stehen in keinem Verhältnis mehr zu den Einnahmen. Lebensmittel sind ca. ein Drittel teurer als in Südafrika (weil von dort importiert). Auch wer einen Job hat, hat keine Garantie, dass er über die Runden kommt. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass wir trotz allem unseren Neubau selbst finanzieren konnten.

Nach wie vor sind Spenden für die Arbeit der Deutschen Gemeinde in Harare sehr willkommen.

Geschrieben von Ulrike Knichwitz am 19. November 2010

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